Energie bleibt Russlands größter Devisenbringer

27. Juni 2006, 18:47
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Durch die Energieadern in Europa fließen zu einem beträchtlichen Teil russisches Öl und Erdgas

Es war Tauwetterperiode. Stalin war gerade mal sieben Jahre tot, als 1960 die "Freundschaft" mit Europa materialisiert wurde. Unter dem Namen "Druschba – Freundschaft" wurde Russlands größtes Ölpipelineprojekt gestartet. Als die Röhre 1964 in Betrieb ging, war das politische Tauwetter vorbei. An der Energiefreundschaft mit Europa jedoch änderte das nichts. Die wurde erst nach über 40 Jahren erstmals angezweifelt – Anfang 2006, als infolge des Gasstreites mit der Ukraine Europa sich der Abhängigkeit von Russland bewusst wurde.

Am Tropf

Europa hängt am russischen Öl- und Gastropf. Die neuen EU-Länder beziehen 70-100 Prozent ihres Ölbedarfs aus Russland. Die Finnen 70 Prozent, Deutschland und Österreich je ein Viertel. Russisches Gas deckt 99Prozent des finnischen Verbrauchs, 90 Prozent des griechischen, 64Prozent des österreichischen und 43Prozent des deutschen. Weitgehend unabhängig von Russland sind Norwegen, Holland, Dänemark, Spanien, Portugal, England – außerhalb der EU die USA, Japan, China und Indien.

Aber auch das wird sich ändern. Nachdem Russland schon die vergangenen fünf Jahre auf die steigende Nachfrage reagiert und sich zum zweitgrößten Ölförderland hinter Saudiarabien aufgeschwungen sowie Platz eins in der Erdgasproduktion beibehalten hat, schielt es auf neue Exportmärkte gerade in Asien. Entsprechend der russischen Energiestrategie nämlich will es den Export bis 2020 verdoppeln, wobei sich der Exportzuwachs klar von West nach Ost verlagert. Was Russland dort am dringendsten braucht sind Pipelines. So hat auch das Pipelinegroßprojekt vom Baikalsees nach Japan und China oberste Priorität erlangt und Pipelinepläne zur Verschiffung an der Barentsee vorerst marginalisiert.

Drei Stränge der "Druschba"

Dennoch: Der Energieexport nach Europa bleibt Russlands größter Devisenbringer. Nach Angaben des russischen Industrieministeriums ist der Ölexport in die EU-Länder seit 2001 um 77 Prozent auf 256 Mio. Tonnen gestiegen.

Der Großteil fließt durch die 4000 km lange "Druschba" (jährliche Kapazität: 85 Mio. Tonnen). Sie, die mit westsibirischem und kaspischem Öl gespeist wird, verläuft in drei Strängen. Der kleinste führt nach Lettland und Litauen, wird aber derzeit nicht genutzt, da Russland sein Baltic Pipeline System auf russischem Gebiet zum Hafen Primorsk im Finnischen Golf errichtete (derzeit 42 Mio. Tonnen).

Der andere Druschba-Strang teilt sich in Weißrussland in die "Nördliche Druschba" (über Polen nach Deutschland) und in die „Südliche Druschba“ (über die Ukraine und Slowakei nach Tschechien und Ungarn).

Kapazitätsgrenzen

An der Kapazitätsgrenze arbeitet nur erstere, weshalb an ihrer Erweiterung gearbeitet wird. Mit der "Südlichen Druschba" verbunden ist die Adria-Pipeline bis zum kroatischen Hafen Omischalj, die zur Sowjetzeit für den Transport von Öl aus dem Nahen Osten nach Jugoslawien und Ungarn gebaut wurde. Über den Transport russischen Öls in die Gegenrichtung wird seit Jahren erfolglos verhandelt.

Der wichtigste Ölhafen bleibt Novorossijsk am Schwarzen Meer, von wo jährlich an die 45 Mio. Tonnen verschifft werden. Eine weitere Steigerung über den Bosporus ist ausgeschlossen, daher wird über Pipelineverbindungen zwischen Schwarzem und Mittelmeer gebrütet. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.6.2006)

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