Kritik von allen Seiten

27. Juni 2006, 16:38
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Die Pfeifenmänner rücken ins Zentrum des Geschehens - Beckenbauer: Schiedsrichter kriegen die Lage nicht in den Griff

Berlin - Die Schiedsrichter kommen bei dieser Weltmeisterschaft nicht aus den Schlagzeilen. Nun sind sie auch bei Deutschlands "Kaiser" Franz Beckenbauer in Ungnade gefallen. "So hundertprozentig kriegen sie die Lage nicht in den Griff", meinte der WM-Organisationschef. Zuletzt empörte der Spanier Luis Medina Cantalejo die Australier, als er im Achtelfinale in der 95. Minute Elfmeter beim Stand von 0:0 für Italien piff udn damit den Abschied der Australier einleitete.

Auch Günter Netzer kritisierte als ARD-Experte im TV: "Mir nehmen die Schiedsrichter zu viel Einfluss auf die Spiele. Sie ziehen allzu schnell Gelb, dann folgt Gelb-Rot." Nach der Gelb-Trilogie von Graham Poll (ENG), der dem Kroaten Josip Simunic dreimal die Gelbe Karte zeigte, und dem Karten-Rekord von Walentin Iwanow (RUS), der viermal Gelb-Rot und achtmal Gelb verteilte, erregte am Montag im Spiel Italien - Australien (1:0) Cantalejo mit dem Platzverweis für Italiens Marco Materazzi und dem Elfmeter in der Nachspielzeit für die "Squadra Azzurra" die Gemüter. Nicht nur Beckenbauer hielt die Rote Karte "für nicht gerechtfertigt" und den Strafstoß für "ein Geschenk". Normal findet der Ex-Nationalspieler die ganze Pfeiferei jedenfalls nicht mehr. "Irgendwie ist alles ein bisschen anders."

Der Deutsche Sportpsychologe Henning Plessner von der Universität Heidelberg hat eine Erklärung für jetzige Situation bereit. Er sagt in Richtung FIFA-Präsident Joseph Blatter, der die Schiedsrichter hart kritisierte: "Es ist unverschämt, Blatter hat doch bei der FIFA nichts für die Schiedsrichter getan", sagte Plessner, der für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) arbeitet. Die FIFA hätte vor der WM Regeln verschärft, ohne dies aber zu evaluieren. Der FIFA fehle es nicht an Wissen, sondern am Willen, Verbesserungen durchzusetzen. Daneben werde bei der FIFA zu sehr auf Länderproporz geachtet. "Und da sind dann auch weniger Professionelle dabei", so der Wissenschaftler.

Die Statistik weist die 18. Weltmeisterschaft schon nach 54 von 64 Spielen als eine der Rekorde aus. 24 Platzverweise bedeuten WM-Rekord, er stand seit dem Frankreich-Turnier 1998 bei 22 Roten Karten, das allerdings nach allen 64 Spielen. Auch die Zahl der Verwarnungen von bisher 263 ist rekordverdächtig. Die Marke von 272 in 64 WM-Spielen bei der WM 2002 dürfte nach Deutschland 2006 keinen Bestand mehr haben.

Auch beim früheren deutschen FIFA-Referee Bernd Heynemann schwindet die Anerkennung für seine Nachfolger, die er nach der WM-Vorrunde noch "als beste 33. Mannschaft" gelobt hatte. "Wenn man das jetzt im Achtelfinale gesehen hat, relativiert sich das. Die Schiedsrichter reagieren mehr, als dass sie agieren", monierte Heynemann. (APA/dpa)

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