Mut zum Abriss und zur Dichte

28. Juni 2006, 10:10
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Die Südtiroler Siedlung in Telfs ist ein Beispiel für eine in die Jahre gekommene Wohnanlage, bei der durch einen verdichteten Neubau jedem gedient ist

Die so genannte Südtiroler Siedlung in Telfs ist ein Beispiel für eine in die Jahre gekommene und weit verstreute Wohnanlage, bei der durch einen verdichteten Neubau jedem gedient ist. Entscheidend für den Erfolg ist ein sensibler Umgang mit den Bewohnern.

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Telfs/Innsbruck – Abreißen und verdichtet neu Bauen ist billiger und sinnvoller als in ihrer Wirkung begrenzte Sanierungsmaßnahmen. Zu diesem Schluss ist die Neue Heimat Tirol (NHT), unterstützt durch Gutachten des TÜV, bei einem Teil ihrer Südtiroler Siedlungen gekommen.

Diese Siedlungen mit rund 4000 Wohnungen sind zwischen 1940 und 1945 in 17 Tiroler Gemeinden entstanden. Entscheidend dafür war das 1939 zwischen Adolf Hitler und Benito Mussolini geschlossene Abkommen, wonach die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Südtirols sich zwischen einer "Option für Deutschland" und der Assimilation zu entscheiden hatte. 80 Prozent (das waren 166.488 Südtiroler) wurden zu so genannten Optanten. Tatsächlich wanderten bis Kriegsende 75.000 von ihnen aus, ein Teil nach Tirol.

NHT-Geschäftsführer Alois Leiter verweist darauf, dass bei der Errichtung der Südtirolersiedlungen kaum gutes Baumaterial zur Verfügung gestanden ist und vielfach auch keine qualifizierten Arbeitskräfte. Damals, so Leiter, waren die Grundrisse der Wohnungen hervorragend, das Siedlungskonzept insgesamt "revolutionär". Heute ist nicht nur die Bausubstanz veraltet, auch wenn Sicherheitsprobleme bisher nur vereinzelt aufgetreten sind.

Neubau ist billiger

Am Beispiel der Südtiroler Siedlung in Telfs rechnet Leiter vor, dass Abriss und Neubau wirtschaftlicher sind als die Sanierung. Derzeit betrage der Mietpreis pro Quadratmeter inklusive der sehr niedrigen Betriebskosten (keine Heizung und Garage) etwa vier Euro. Saniert würde dieser Preis auf sieben Euro ansteigen, beim Neubau ist (auf aktueller Preisbasis) 6,70 Euro herausgekommen. Dazu kommt, dass bei der Schall- und Wärmedämmung mit der Sanierung die Werte des Neubaus auch nicht annähernd erreicht werden können.

Im Durchschnitt haben die Südtiroler Siedlungen nur eine Bebauungsdichte von 0,35. "Die aktuellen Richtlinien der Wohnbauförderung verlangen zumindest 0,55", sagt Leiter. In Telfs soll das durch eine dichtere Bebauung und E+2 statt bisher E+1 erreicht werden. Dafür verschwinden die Autos unter der Erde und die Grünflächen bleiben etwa gleich, verspricht Leiter. In Telfs sollen statt 69 künftig 100 Wohnungen Platz finden.

Freiwillige Absiedlung

Mit den meist langjährigen, oft alten Mietern sind nun erfolgreich Gespräche über eine freiwillige Absiedlung angelaufen. Den Mietern werden Ersatzwohnungen und das Recht auf eine Rückkehr in "ihre" Siedlung angeboten. Die Mehrzahl der jetzigen Mieter genießt Mieterschutz, der auch in der neuen Siedlung aufrecht bleiben wird. Zusätzlich wird diesen Mietern eine pauschale Umsiedlungshilfe von 15.000 Euro angeboten.

Für den ersten Bauabschnitt sollen bis zum Jahr 2009 25 Mieter abgesiedelt werden, ein Jahr später sollen die neuen Wohnungen fertig sein. Erleichtert wird das Vorhaben dadurch, dass die Neue Heimat Tirol ein unmittelbar angrenzendes Grundstück erworben hat, das vorab bebaut wird. (Hannes Schlosser, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.6.2006)

  • Wie hier in Telfs sind nach 1945 in vielen anderen Tiroler Gemeinden Südtiroler Siedlungen entstanden, die den heutigen Standards nicht mehr entsprechen. Der Abriss und Neubau erweist sich dabei als wirtschaftlich günstiger als eine Sanierung.
    foto: architekturhalle telfs

    Wie hier in Telfs sind nach 1945 in vielen anderen Tiroler Gemeinden Südtiroler Siedlungen entstanden, die den heutigen Standards nicht mehr entsprechen. Der Abriss und Neubau erweist sich dabei als wirtschaftlich günstiger als eine Sanierung.

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