Anmerkungen zur Jugendarbeitslosigkeit

27. Juni 2006, 14:25
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Wir haben derzeit in Österreich zumindest zwei Probleme: ein Lehrstellenproblem und steigende Jugendarbeitslosigkeit, jenseits der Lehrstellenproblematik - Von Caspar Einem

Wir haben derzeit in Österreich zumindest zwei Probleme, die unter dem Titel Jugendarbeitslosigkeit abgehandelt werden: ein Lehrstellenproblem und steigende Jugendarbeitslosigkeit, jenseits der Lehrstellenproblematik. In jedem Falle braucht das Problem rasche Abhilfe, denn anders wächst eine Gruppe der Hoffnungslosen heran. Das ist für sie selbst und für alle anderen schlimm.

Lehrstellenproblematik

Worin besteht die Lehrstellenproblematik: das so genannte duale Ausbildungssystem stammt aus einer Zeit, die durch Handwerk und Industrie geprägt war. Die heutige wirtschaftliche Realität, insbesondere in den größeren Städten, ist eine andere und von einer Dienstleistungswirtschaft geprägt. Und in diesen, vielfach auch neuen Dienstleistungen geht es um Qualifikationen, die nicht in Form von Lehrausbildungen angeboten werden, sondern meist andere, vielfach höherwertige Ausbildungen zur Voraussetzung haben. Das ist der Grund, warum die Konzeption der heutigen Bundesregierung, Betriebe, die bereit sind, Lehrlinge auszubilden, massiv zu subventionieren, nicht wirklich zur Lösung des Problems führt. Wir schlagen daher einen anderen Weg vor: Wenn schon der Staat nahezu 100% der Kosten der Lehrausbildung trägt, dann sollte er dabei andere Anforderungen stellen und das Angebot den Bedingungen weltweiten wirtschaftlichen Wettbewerbs anpassen. Das bedeutet, dass Länder wie Österreich mit einem relativ hohen Lohnniveau nur dann weiterhin dieses Niveau halten können, wenn es ihnen gelingt, ihre Kinder und Jugendlichen optimal auszubilden. Das bedeutet mehr Allgemeinbildung, mehr Fremdsprachenkenntnisse und eine Berufsausbildung. Als Vorbild können dabei skandinavische Länder gelten, die teilweise bis zu 90% der Schulabsolventen mit 18 bzw. 19 Jahren auf das Maturaniveau bringen, teilweise mit einer Berufsausbildung verbunden, teilweise bloß als Vorbildung für ein anschließendes Studium. Das, worum es bei uns ginge, wäre ein Schulsystem, das neben den bestehenden AHS- und BHS-Formen die Schule mit Praktikumschancen und spezifischen Berufsausbildungen ergänzt und zur Maturareife führt.

Nur Berufsausbildung hilft

Hier greift das eine in das andere: bei näherer Betrachtung der Arbeitsmarktdaten zeigt sich, dass Österreich zwar immer noch relativ gut liegt, was die Jugendarbeitslosigkeit betrifft (das ist, was die Regierung nicht müde wird, zu behaupten), dass sich in Österreich aber gleichwohl die Jugendarbeitslosigkeit seit 2000 verdoppelt hat. Ursachen dafür sind sowohl schwache Wachstumsraten der Wirtschaft, als auch die Anhebung des Pensionsantrittsalters, sodass weniger Arbeitsplätze frei geworden sind. Es ist aber auch ein anderes zu beobachten: Jugendliche mit abgeschlossener Berufsausbildung (abgeschlossene Lehre, abgeschlossene BMS oder BHS) haben nach wie vor recht gute Chancen. Da steigt auch die Arbeitslosigkeit nicht. Das Problem spitzt sich bei jenen zu, die bloß einen allgemeinbildenden Schulabschluss (Hauptschule, AHS-Matura) haben und nichts weiter oder nicht einmal das. Diese Jugendlichen haben es heute schwer, Arbeit zu finden. Und das wird sich wohl auch nicht ändern, zumal es auf Sicht ein Überangebot solcher Absolventen gibt, sodass die schlechter Qualifizierten dabei auf der Strecke bleiben. Sie haben auch langfristig kaum eine Chance, je ein befriedigendes Einkommen zu erzielen.

Diese Fakten sprechen nicht dafür, allgemeinbildende Angebote zu reduzieren. Sie sprechen aber dafür, dass sich Eltern und/oder Schüler darüber klar werden müssen, dass allgemeinbildende Schulformen primär der Vorbereitung für einen weiteren Bildungsschritt, der Berufsausbildung bringt, dienen. Dort leisten sie gute Vorbereitung.

Einlassen auf die eigenen Interessen

Was schon bisher für Fachhochschul- und vor allem für Universitätsstudien galt gilt auch für den schulischen Weg: entscheidend ist, dass sich die Absolventen auf das, was sie interessiert, wirklich einmal eingelassen haben. Es gibt keinen sicheren Tipp, mit welcher Berufsausbildung man sicher einen Job und vielleicht auch noch ein gutes Einkommen bekommen kann. Alles, was dazu gesagt wird, ist höchst unsicher. Sicher ist bloß, dass ernsthaftes Engagement in zumindest einem Interessengebiet und eine abgeschlossene Ausbildung, die zu einem Beruf qualifiziert, sehr nützlich sind.

Abschließend daher: Wir brauchen eine andere Schule, eine, die nicht zwischen Hauptschule und Mittelschule differenziert, die aber eine große Breite an Differenzierung im Inneren entlang der Interessen und Begabungen der SchülerInnen zulässt und die überdies eben auch praktische Fertigkeiten vermittelt und durch berufsbezogene Praktika ergänzt. Die Herausforderung dieser neuen Schule ist unter anderem, Lernen als einen Prozess des spannenden Entdeckens am Leben zu erhalten, weil anders lebensbegleitendes Weiterlernen von vielen bloß als Qual und nicht als Chance empfunden würde. Die raschen Veränderungen der Welt, vor allem in der Wirtschaft, machen aber das Leben spannend und verlangen weiteres Entdecken.

Alles in allem: kein Platz für vier weitere Jahre Gehrer.

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen. Caspar Einem, ehemaliger Wissenschafts-, Verkehrs- und Innenminister, ist Europasprecher der SPÖ und Vorsitzender des Bundes Sozialdemokratischer AkademikerInnen (BSA).
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