"Wir sind alle Maradonas"

27. Juni 2006, 16:46
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Die Legende ist allgegenwärtig - Argentiniens Tevez: "Wenn er wieder geht, fühlen wir uns stärker als wir wirklich sind"

Herzogenaurach - Argentiniens Fußball bleibt eine Diego-Maradona-Show. Er war einst der beste Fußballer der Welt, trug die legendäre Nummer 10 der "Albiceleste" und führte diese zum WM-Titel 1986. Heute taucht er unangemeldet im WM-Quartier der Argentinier in Herzogenaurach auf, feuert auf der Tribüne seine Nachfolger an und ist nach wie vor der Mann, an den die Argentinier glauben.

"Er ist unser Idol und ein Idol für die Menschen", sagte Carlos Tevez, der wie Barcelonas Lionel Messi von der argentinischen Presse mit Maradona verglichen wird. "Jedes Mal, wenn er auftaucht, bringt er uns zum Lachen, und wenn er wieder geht, fühlen wir uns stärker als wir wirklich sind", meinte der bullige Stürmer, der einst bei Maradonas Stammklub Boca Juniors seine Tore machte.

"Er ist der Beste und der Schlechteste von uns"

"Wir sind in gewisser Weise alle Maradonas", sagte Alejandro Apo von Radio Continental, einer von Argentiniens anerkanntesten Radiomoderatoren. "Er ist der Beste und der Schlechteste von uns. Er sagt und tut Dinge, die über den Fußball hinausgehen, und was er sagt, hat Gewicht wegen der Macht des Fußballs in der argentinischen Populärkultur. Wenn er sich einen Gegner sucht, dann wählt er den größten, den mächtigsten. Er tut die gleichen Dinge, die er auch auf dem Fußballplatz getan hat."

Vor dem WM-Start mischte sich Maradona massiv in die Kaderzusammenstellung von Trainer Jose Pekerman ein und machte sich für junge Spieler stark. "Er ist mir sehr ähnlich", sagte der 45-Jährige über Lionel Messi. Maradona forderte auch das neue Supertalent Sergio Aguero, doch Pekerman ließ sich den 18-Jährigen auch nicht vom großen Idol einreden.

Gott ist Argentinier

Wie groß die Verehrung der langjährigen Nummer 10 nach wie vor ist, zeigt auch ein vor dem Trainingsgelände in Herzogenaurach geparkter alter VW. Auf diesem steht der Spruch: "Der Papst ist Deutscher, Gott ist Argentinier. Diego 10." Ein paar Schritte weiter steht der 22-jährige Ignacio Anselmo. Als er sein Argentinien-Trikot hebt, kommen drei Maradona-Tätowierungen zum Vorschein.

Nun, mit 45 Jahren, ist Maradona ein Überlebender. Vor zwei Jahren erlitt er in Folge langjährigen Kokainkonsums einen Herzanfall. Seitdem sei er clean, sagt er. Er ließ sich seinen Magen verkleinern, um abzunehmen, und nahm einen Job an. Im vergangenen Jahr wurde seine Talkshow "La Noche del 10" ("Die Nacht der Nummer 10") ein riesen Erfolg. Und seine Fernsehkarriere geht bei der WM weiter. Für den spanischen Sender La Cuatro arbeitet er als Co-Kommentator. Wie ein Sprecher der TV-Anstalt einräumte, kostet das Engagement der Fußballlegende den Sender eine große Summe.

Hass-Liebe zu Italien

Dem Luxus und dem "Dolce Vita" war Maradona nie abgeneigt. Mit dem Kokain kam er erstmals in seiner Zeit beim FC Barcelona (1982) in Berührung, zur Sucht wurde es dann in Italien, beim SSC Neapel. In der süditalienischen Stadt ist der Argentinier noch immer ein Idol, auch wenn er sie 1992 fluchtartig verlassen hatte. Das Liebesverhältnis zu seiner Wahlheimat war nach der WM 1990 dramatisch abgekühlt, als die Argentinier die Gastgeber im Halbfinale aus dem Turnier warfen. Die Neapolitaner verziehen ihm, nicht so Rest-Italien. Im Endspiel pfiffen die Zuschauer bei der Hymne Argentiniens und Maradona beschimpfte die Fans.

Das Tuch war zerrissen und alle schützenden Hände plötzlich fort. Nur wenige Monate später wurden Spuren von Kokain im Urin des Spielmachers gefunden und Maradona für 15 Monate gesperrt. 1992 kehrte er dann nach Argentinien zurück. Seine schwärzeste Stunde als Spieler erlebte die "Hand Gottes" zwei Jahre später bei der WM 1994 in den USA. Er, der noch einmal allen seine Klasse beweisen wollte und gegen Griechenland ein großes Spiel abgeliefert hatte, wurde vom Turnier ausgeschlossen, nachdem bei einer Dopingprobe laut FIFA "ein Drogencocktail aus verschiedenen leistungssteigernden Mittel" bei ihm nachgewiesen worden war. Maradona wurde für 15 Monate gesperrt, kehrte aber trotzdem als Held in seine Heimat zurück.

"Die Menschen leben Maradonas Erfolge und Misserfolge, als wären es ihre eigenen", erklärte der argentinische Soziologe Sergio Levinsky, Autor eines Buches über Maradona ("Rebelde con causa" - "Rebell mit Grund"). Fußball sei für die Menschen in dem südamerikanischen Land so wichtig, "weil der durchschnittliche Argentinier jeden Tag 0:5 verliert. Aber ein 1:0-Sieg in einem Fußballspiel ist die Revanche für mindestens eine Minute." (APA)

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    Diego immer und überall.

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