25 Prozent für Kommissar Zufall

10. Juni 2000, 18:27

Wissenschaft will publizistischen, Wirtschaft finanziellen Erfolg - manchmal geht beides

Dank der Finanzierung aus öffentlichen Mitteln sind Wissenschafter an den Universitäten nicht gezwungen, sich am Markt, an den Bedürfnissen zu orientieren." Das sieht Erhard Fürst, Leiter des Bereichs Wirtschaftspolitik in der Industriellenvereinigung, als einen der wesentlichen Unterschiede zwischen privater und universitärer Forschung. Eine Generation ist vergangen, seit die Unabhängigkeit der Academia von Marktbedürfnissen gefordert und teils auch praktiziert wurde - eine sehr ferne Vergangenheit, misst man die Forderungen am jetzigen Diskussionsstand. Wobei Fürst mit einem zunächst überraschenden Lösungsvorschlag kommt: "Ein wichtiges Instrument zur Verbesserung der Lage wäre die Realisierung der Uni-Autonomie, damit die Fakultäten und Institute selber entscheiden können, wohin sie die Ressourcen lenken."

Es kann also in Österreich 2000 vorausgesetzt werden, dass die akademisch institutionalisierte Wissenschaft die Nähe zur Wirtschaft, zu Unternehmen und ihren Forschungsabteilungen sucht. Zumindest für die naturwissenschaftlichen und biomedizinischen Fächer ergibt sich die Affinität aus dem großen Aufwand und der erhofften Anwendbarkeit der Resultate.

Die Zusammenarbeit reicht vom Sponsoring einzelner Arbeitsstellen bis zur Gründung von Instituten als gemeinsame Plattform. Boehringer etwa finanziert das Institut für Molekulare Pathologie in Wien, und am konzerneigenen Vienna International Research Cooperation Center bietet Novartis seit elf Jahren Arbeitsstätten und Dotierungen für Dermatologen, Gefäßbiologen und anderen Forscher vor allem vom AKH. "Natürlich ist der Druck stärker geworden, dass Ergebnisse zustande kommen", sagt Helmut Baranyovszki, "Head of Staff, Research Operations Austria" von Novartis. "Darum gibt es genaue Vorgaben, und wenn die Ziele nicht erreicht werden, können die Mittel anderweitig eingesetzt werden. Ich würde sagen, 75 Prozent der Forschung insgesamt sollten fokussiert sein." Es gebe zwar Produkte, die nie zustande gekommen wären, wenn nicht "Kommissar Zufall" mitgespielt hätte. Doch könne sich die Wirtschaft auf Grundlagenforschung, bei der vor allem Publikationen herausschauen, nicht allzu sehr einlassen.

"Orientierte Grundlagenforschung" ist auch die Präferenz von Erhard Fürst, der dafür in Österreich gute Beispiele sieht - allerdings eher dank der Initiative einzelner Wissenschafter als systemimmanent. Michael Freund

Am Freitag, 7.7., um 17 Uhr findet eine Podiumsdiskussion zum Thema "Science and Business" in Steyr statt.

Die Europäischen Wissenschaftstage in Steyr sind eine Initiative des Bundes, des Landes Oberösterreich und der Stadt Steyr. Die Hauptveranstaltung mit dem Thema "Die Evolution von Kooperation und Kommunikation. Zur Naturgeschichte des Wirtschaftslebens." findet vom 4. bis 8. Juli 2000 in Steyr statt. Nähere Informationen zum Projekt unter Tel.: 01/367 98 83 und auf der Homepage. Die Serie zu den Europäischen Wissenschaftstagen erscheint monatlich im ALBUM. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD. Redaktion: Michael Freund

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