Die Sprache der Gene

10. Juni 2000, 18:16

Peter F. Weber skizziert den langen Weg zum "Super-Primaten" Mensch

Globalisierung ist die vorläufig letzte Etappe in einer rasanten Entwicklung, die in weniger als hunderttausend Jahren eine Spezies zur Weltherrschaft führte. Wie konnte ein dem Leben in der Savanne angepaßter Jäger und Sammler die Kommunikations- und Produktionssysteme der Internetgesellschaft schaffen? Peter F. Weber skizziert den langen Weg zum "Super-Primaten" Mensch.

John Maynard Smith ist so etwas wie eine lebende Ikone. Vielen Naturwissenschaftlern gilt der Engländer als bedeutendster Wissenschaftler seit Charles Darwin. Lange graue Haare, weite Hose, Turnschuhe; den jugendlichen Elan hat sich der 80-Jährige bis heute erhalten. Als Teilnehmer an den Europäischen Wissenschaftstagen in Steyr wird Maynard Smith vom 4. bis 8. Juli 2000 mit einer Gruppe hochkarätiger Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen über die Evolution von Kooperation und Kommunikation diskutieren . Darunter der Anthropologe Chris Stringer, der Linguist Ray Jackendoff, der Ökonom Ernst Fehr und der Primatologe Frans de Waal.

Sprache

Die Themen Kooperation und Konflikt, Kommunikation und Sprache sind seit Jahren ein heißes Eisen in der Wissenschaft. Nach den biologischen Wurzeln von Verhaltensweisen zu forschen, gilt auch in deutschsprachigen Landen nicht mehr als anstößig. Sprache - ein Instinkt? Aggression - angeboren? Die riesigen Sprünge vorwärts, die Genetik und Neurowissenschaften im vergangenen Jahrzehnt getätigt haben, zeigen klar, daß sich Verhalten und Gene nicht getrennt voneinander betrachten lassen. Die Diskussion um "angeb oren oder erlernt" ist überholt. "Es ist immer beides!" meint denn auch Kurt Kotrschal von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle im oberösterreichischen Almtal. Beispiel Sprache: Heute besteht kaum noch Zweifel, daß diese weitgehend erlernt wird, doch die dafür nötigen Strukturen im Gehirn (und vielleicht auch eine Gebrauchsanleitung) sind angeboren. Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß sich die neuronalen Schaltkreise, Verbindungskabel zwischen den einzelnen Hirnarealen, erst durch entsprechende Nutzung ausbilden und adaptieren. Fällt bei einem Kind dieser Input aus der Umwelt aus, werden die Nervenzellen in Hirnregionen umgeleitet, wo sie benötigt werden, oder sie sterben ab. So ist auch das Phänomen der "Wolfskinder" erklärbar, die weggesperrt von der Gesellschaft und sozialem Kontakt, später nie mehr reden lernten. Genie ging mit ihrem tragischen Schicksal in die Weltliteratur ein. Mangels An-Sprache im wörtlichen Sinne, bildeten sich bei dem verwahrlosten Mädchen keine entsprechenden neuronalen Strukturen aus. Das wechselseitige Abhängigkeit von "Angeborenem und Erlerntem" könnte nicht offensichtlicher sein.

Neandertaler

Sprache und deren Entstehung im Laufe der Menschheitsgeschichte ist gegenwärtig ein viel diskutiertes Thema. Chris Stringer vom Naturhistorischen Museum in London meint etwa, daß Sprache jenes prominente Merkmal sei, das den Modernen Menschen auszeichnen würde. Wann entstand nun Sprache, wann der Homo sapiens? Chris Stringer ist unbestritten ein Weltstar in der Anthropologie. Wenn der kernige, meist gehetzt wirkende Engländer auf einer Tagung spricht, hören seine Wissenschaftskollegen beinahe ehrfürchtig zu, wenngleich nicht wenige mit im Clinch liegen. Was den britischen Anthropologen so streitbar macht, ist sein unumstoßbarer Glaube an die "Out-of-Africa"-Theorie. Demnach entstand der Moderne Mensch vor rund 200.000 Jahren in Afrika. "Damals waren wir eine bedrohte Spezies, so wie heute der Panda. 5000 Individu en, vielleicht 10.000, nicht mehr!" resümiert Stringer. Doch dieses Häufchen Mensch besaß Fähigkeiten, vermutlich aufgrund einer genetischen Mutation, die es innerhalb kürzester Zeit die Welt erobern ließ. Sprache? Kam diese Fähigkeit tatsächlich erst mit dem Homo sapiens in die Welt?

Es besteht kein Zweifel, daß Neandertaler sprechen konnten, doch daß sie eine komplexe Sprache hatten, so wie Menschen sie heute verwenden, glaubt kaum ein Wissenschaftler. Was überrascht! Denn unsere stammesgeschichtlichen Vettern waren keineswegs jene buckeligen, behebig dahinwatschelnden dümmlichen Kreaturen mit großer Keule in der Hand, als die sie in Karikaturen dargestellt werden. Neandertaler waren eine höchst erfolgreiche Spezies, die weitaus länger die Erde bevölkerten als unsereiner. Und dennoch: kaum breitete sich der Moderne Mensch nach Europa aus, starb der Neandertaler aus. Vor 25.000 Jahren verlaufen sich seine Spuren auf der Iberischen Halbinsel. Was war geschehen?

Manche Wissenschaftler glauben, der Homo sapiens und der Neandertaler hätten sich miteinander vermischt. Doch molekularbiologische Untersuchungen sprechen gegen diese Annahme. "Darüber hinaus war unsere Art noch nie besonders freundlich zu anderen Menschen", argumentiert etwa Ian Tattersaal, Kurator für Anthropologie am Naturhistorischen Museum in New York. "Denken Sie nur an die Entdeckung Amerikas und Australiens, wie die Weißen damals mit den Ureinwohner umgesprungen sind."

Der Neandertaler: Ausgerottet? Dem Modernen Menschen unterlegen? "Vielleicht", sagt Chris Stringer. "Das muß nicht einmal kriegerisch passiert sein. Ich kann mir vorstellen, daß es ein Konflikt um Ressourcen war, den der Neandertaler verlor." Der Homo sapiens beherrschte eine hochkomplexe Sprache, vielleicht war er besser im abstrakten Denken, im Bilden von Konzepten; möglicherweise war er in seinem gesamten Verhalten flexibler. Tatsächlich deuten archäologische Untersuchungen vom Balkan darauf hin. Der Mod erne Mensch hatte, im Unterschied zum Neandertaler, verschiedene Heimstätten und Jagdlager und baute diese, abhänging von den Wanderungen der Wildtiere, flexibel auf und ab. Es kann sein, daß der Neandertaler in unwirtliche Gegenden ausweichen mußte, etwa ins Gebirge, während sich der Moderne Mensch im fruchtbaren Flachland breitmachte. "Allein der geringere Reproduktionserfolg", sagt Chris Stringer, "hätte im Laufe der Jahrtausende zum Aussterben der Neandertaler gereicht".

Konflikt und Kooperation

Ausgerottet oder verdrängt, die endgültige Konsequenz bleibt dieselbe. So untersuchen heute nicht nur Psychologen und Soziologen die Hintergründe für Konflikte, sondern auch Anthropologen, Primatologen und Verhaltensforscher.

Warum gibt es überhaupt Streit und Zank, oft verbunden mit Aggression und kulminierend in Mord und Totschlag? "Daß einander fremde Individuen um Ressourcen konkurrieren, ist nicht weiter erstaunlich", meint der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal. "Doch am häufigsten kommen Konflikte in Gruppe vor, deren Mitglieder einander gut kennen, vielleicht lieben: in Familien, zwischen Ehepartner, Eltern und Kindern. Das ist doch überra- schend!"

Es sind die unterschiedlichen Interessen, die zu Spannungen, Streit und Kämpfen im Tierreich führen. So gibt es bezeichnenderweise zwischen "eusozialen Lebewesen" wie Bienen, Ameisen und Termiten das geringste Konfliktpotential. Nicht weil diese Insekten so "sozial" im Umgang miteinander sind, sondern weil jeder mit jedem nahe verwandt ist. Ein Konflikt wäre, aus dem Blickwinkel der Gene, ein Kampf gegen sich selbst!

"Konflikte sind also zum ersten vom Verwandtschaftsgrad abhängig", sagt der Wiener Mathematiker Karl Sigmund, der sich als Spieltheoretiker mit menschlichen Beziehungen auseinandersetzt (siehe Seite 8). "Auch in menschlichen Gesellschaft spielt das eine größere Rolle als man gemeinhin annimmt." So basiert etwa das Erbrecht in fast allen Kulturen auf dem Verwandtschaftsgrad. Kein logisches Argument spricht dafür, daß das Familienvermögen von den Eltern auf die Kinder vererbt wird; außer dem, daß es seit Menschengedenken so praktiziert wird. "Beim Menschen wird die Sache freilich kompliziert", sagt Sigmund, einer der Organisatoren der kommenden Wissenschaftstage in Steyr. "Da spielen zum zweiten immer ökonomische Überlegungen eine Rolle. Das menschliche Beziehungsgeflecht ist hochgradig reziprok: Wenn man jemanden hilft, erwartet man, daß er zurückhilft". Zahllose Sprichwörter, die praktisch in allen Sprachen dieser Erde vorkommen, legen Zeugnis von dieser reziproken Erwartungshaltung ab: Wie du mir, so ich dir. Eine Hand wäscht die andere. Aug um Aug, Zahn um Zahn. Eine Krähe hackt der anderen nicht Augen aus usw.

Dieses Prinzip vom Geben und Nehmen ist kein hervorstechend menschlicher Charakterzug. "Alle Affengesellschaften sind darauf gebaut", sagt Frans de Waal, Direktor am Yerkish-Primate-Center in Atlanta. Reziprozität bedeutet nicht, daß zwei Individuen einen Eins-zu-Eins-Deal machen wie beim Bäcker: Du gibst mir ein Kilo Brot, ich gebe dir 20 Schilling. "Nein, das ist eine langfristige Angelegenheit", stellt de Waal klar. "Schimpansen führen regelrecht Buch darüber, wem sie im Laufe der Jahre geholfen haben, u nd wer ihnen in der Not einmal beigestanden ist." Besonders deutlich ist das im ewigen Kampf der Männchen um Einfluß und Macht.

Während der 70er Jahre beobachtete Frans de Waal eine Schimpansenhorde in einem riesigen Freigehege im holländischen Arnheim-Zoo. Jahrelang kam es damals zwischen Yeroen, Nikkie und Luit zu heftigen Kämpfen um die Vormachtstellung, die Rolle des Alpha-Tieres. Bündnisse wurden geschlossen, gebrochen und wieder aufgefrischt, nur um schon in den folgenden Monate wieder eine neue Koalition einzugehen. Konflikte und Kooperationen hatten nur zu oft taktische Überlegungen zur Ursache. Warf der Forscher beispielswe ise frische Nahrung ins Gehege, kam sofort der hochrangige Yeroen angebraust, vertrieb alle Gruppenmitglieder, verprügelte sie gegebenenfalls, nur um das Essen kurze Zeit später großherzig an die Untergebenen zu verteilen. Machiavelli spiegelt sich in allen Affenherzen wider!

Hunderte derartige Anektoten kann Frans de Waal erzählen, und immer huscht ihm dabei ein Lächeln über die Lippen. Als er seine Forschungsergebnisse im Jahr 1982 in dem Buch "Chimpanzee Politics" veröffentlichte, erreichte ihn schon bald ein Brief aus den Vereinigten Staaten. Ein Kongreßabgeordneter fühlte sich de Waal zu Dank verpflichtet, nachdem er dieses aufschlußreiche Buch gelesen hatte. Die Erfahrungen des Politikers stimmten mit jenen des Primatologen überein.

Diese Reportage ist ein Auszug aus dem Ö1-Radiokolleg "Wie du mir, so ich dir". Sendetermin: vom 19. bis 21. Juni 2000, jeweils 9.05 - 9.30h (Wiederholung am selben Tag: 22.15 - 22.45h).

Share if you care.