Mordvideo rüttelt die Briten wach

2. Juli 2006, 19:23
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Zum ersten Mal zeigen Londoner Fernsehsender, auf welch sinnlose Weise ein Medizinstudent in einem Parkhaus ums Leben kam

Es ist eine gespenstische Szene, die im britischen Fernsehen gezeigt wurde - ein Mord in Echtzeit, ausgestrahlt auf Wunsch der Hinterbliebenen, Reality-TV in der schrecklichsten Form.

Es ist gut zwei Stunden nach Mitternacht, im Neonlicht einer Tiefgarage warten zwei Medizinstudenten nach einer Party auf Freunde. Plaudernd lehnen sie an einem Geländer. Die drei Burschen, die sich von hinten nähern, im Bummelschritt, wie friedliche Spaziergänger, scheinen sie nicht zu bemerken.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, holt der Kräftigste des dahinschlendernden Trios aus. Mit einem Fausthieb schlägt er den Schmächtigeren der beiden Studenten zu Boden, bricht ihm den Kiefer. Der andere, Daniel Pollen, hebt im Abwehrreflex die Hände, beugt sich über seinen Kumpel, versucht, ihn zu schützen. Kurz darauf verblutet er, niedergestochen auf dem blanken Beton des Parkhauses liegend. Der Jüngste der Angreifer, ein 16-Jähriger namens Michael Lynch, hat ihm ein Messer in die Herzgegend gerammt.

Geschockte Nation

Eine Überwachungskamera zeichnete seinerzeit alles auf, und nun haben sich drei britische Fernsehstationen entschlossen, das makabre Video zu senden. Es ist, als wäre der Nation der Schock zeitversetzt in die Glieder gefahren.

Erst am Freitag vergangener Woche war Lynch, der Haupttäter, von einem Londoner Richter zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das bedeutet, dass er bei guter Führung frühestens in 16 Jahren freikommen kann. Kaum war das Urteil gesprochen, baten die Eltern seines Opfers darum, nicht nur den Geschworenen zu zeigen, auf welch sinnlose Weise ihr Sohn ums Leben kam, sondern den Film via BBC, Sky und ITV landesweit auszustrahlen.

Aufrütteln

Man müsse aufrütteln, begründete Josie Pollen, Daniels Mutter, den ungewöhnlichen Schritt. Man dürfe nicht weiter so tun, als sei es ein Kavaliersdelikt, wenn jemand mit einem Messer durch Parkhäuser spaziere. "Wegen eines einzigen Messers wird mein Leben nie mehr so sein, wie es war." Ja, stolz sei sie auf ihren Sohn. Der hätte wegrennen können, blieb aber, um seinem Freund zu helfen. Nur bringe ihn das auch nicht zurück, sagt Josie Pollen und verlangt härtere Gesetze.

Bitter beklagt sie, dass der Teenager, der wie im Vorbeigehen ein Leben auslöschte, vielleicht schon mit 32 wieder auf freiem Fuß ist. Einen Verbündeten hat sie in Tony Blair, dem Premierminister. Der drängt neuerdings vehement darauf, Kriminelle drakonischer zu bestrafen und vor allem schneller, wobei er die Justiz dafür abkanzelt, dass sie "Probleme des 21. Jahrhunderts mit Lösungen des 19. Jahrhunderts beantworten will". Das klingt gut, sagt aber wenig, was Blair prompt den Vorwurf einträgt, auf Aktionismus und schnelle Parolen zu setzen - und wohl auch ziemlich verzweifelt zu sein.

Andere Wahrnehmung

Zwar melden amtliche Statistiken Jahr für Jahr weniger Verbrechen, doch die Briten nehmen es anders wahr. Kaum ein Thema beschäftigt sie derzeit so intensiv wie die Gewalt, die einem wahren Kult ums Messer zu entspringen scheint. Erst vor vier Wochen hat der Tod Thomas Grants, eines 19-Jährigen, der an der schottischen Universität St. Andrews Geschichte studierte, hohe Wellen geschlagen. In einem Zugabteil wollte Grant Streit schlichten, ein Mädchen vor der Wut ihres Freundes schützen. Dafür wurde er erstochen.

Der Film, der nun Daniel Pollens letzte Minuten so schrecklich genau dokumentiert, dürfte Öl ins Feuer der ohnehin schon erregten Debatte gießen. Es ist zwar über zehn Monate her, dass der angehende Mediziner ermordet wurde. Doch erst jetzt, angesichts der Bilder, geht es den Leuten unter die Haut. Für Dave Brown, Scotland Yards ermittelnden Inspektor, war es "der brutalste und ungerechtfertigste Angriff, der mir in 30 Jahren unter die Augen kam". (Frank Herrmann aus London, DER STANDARD-Printausgabe, 28.06.2006)

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