Menschliche Beziehungen als messbares Kapital

    27. Juni 2006, 12:49
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    Faktor "Sozialkapital": Zur Bedeutung kollektiver Ressourcen, die wesentlich zu sozi­alem Zusammenhalt und Entwicklung beitragen

    Der Begriff Sozialkapital ist nicht neu, allerdings wird er erst seit einigen Jahren auch verstärkt in der Diskussion um Nachhaltige Entwicklung verwendet. Als Sozialkapital bezeichnet man jene kollektiven Ressourcen innerhalb von Gesellschaften, die wesentlich zu sozialem Zusammenhalt und Entwicklung beitragen. Diese Ressourcen bilden eine spezifische Form von "Kapital", das beschrieben, gemessen und auch gesteigert werden kann.

    In wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema wird argumentiert, dass hohes Sozialkapital zu einer Reihe von positiven Wirkungen führen kann:

    Entlastung staatlicher Einrichtungen: Für die Gesellschaft verringert Sozialkapital soziale Kosten in dem Maße, wie Hilfeleistungen und Unterstützung im Rahmen der Beziehungsnetzwerken erbracht werden. Umgekehrt steigen die Kosten für Unterstützung und Hilfeleistung für Kranke, Alte, Behinderte und sonst beeinträchtigte Personen in dem Maße, wie in modernen Gesellschaften im Zuge der Individualisierung und steigenden Mobilität Beziehungsnetze wie Nachbarschaften, Freundeskreise, Vereinsstrukturen usw. nicht mehr greifen.

    Koordinationsunterstützung: In einer Gesellschaft mit hohem Sozialkapital ist Rechts- und Polizeigewalt zum Schutz des Eigentums und staatliche Regulation von geringerer Bedeutung, weil Vertrauen und Kooperationsbereitschaft bei der Lösung von Problemen und Konflikten ausreichend vorhanden sind. Bei geringem Sozialkapital besteht die Tendenz, dass für kollektive Handlungsprobleme wie z.B. für Probleme des Umweltschutzes keine einvernehmlichen Lösungen gefunden werden können.

    Soziale Integration: Integrationsprobleme durch zugewanderte Bevölkerungsgruppen können ebenfalls nur schwer durch rein regulative Maßnahmen gelöst werden. Gelungene 'Integration' hieße, zugewanderten Gruppen einen Zugang zum sozialen Kapital (z.B. durch Schulbildung, zu Netzwerken) zu eröffnen, das entwickelt genug sein muss, um diese zunächst zusätzliche Leistung zu tragen.

    Wirtschaftsleistung: Der Grad des vorhandenen sozialen Kapitals in einer Gesellschaft ist am Wachstum oder Niedergang des wirtschaftlichen Wachstums beteiligt. Geschäftsbeziehungen, wirtschaftliche Transaktionen und Investitionen sind in einem mangelnden Vertrauensklima unsicherer (hohe "kalkulatorische Wagniskosten") und werden weniger risikofreudig und zügig getätigt. Sie benötigen wesentlich mehr Aufwand an Vorsondierung auftretender Probleme, rechtliche Absicherungen, längere Vertragsverhandlungen, Aushandlungen von Garantieansprüchen bei nicht eingehaltenen Verträgen usw. Geringes soziales Kapital erhöht somit die Transaktionskosten und verringert potenziell die Produktivität. Ökonomische Auswirkungen besitzt das Sozialkapital im positiven Sinn auf Allokation (Standortpolitik), Wachstum und Beschäftigung.

    Bislang wenige Studien in Österreich

    Zum Teil können diese theoretisch argumentierten positiven Wirkungen von Sozialkapital tatsächlich empirisch nachgewiesen werden – für Österreich liegen bislang aber nur wenige derartige Studien vor. Eine bereits im Jahr 2002 im Auftrag des Büros für Zukunftsfragen beim Amt der Vorarlberger Landesregierung durchgeführte repräsentative Befragung der Vorarlberger Bevölkerung hat folgendes ergeben: "Je größer das Sozialkapital, desto zufriedener sind die Vorarlberger. Diese Tatsache gilt auch für Beruf, Einkommen und Arbeitsplatzsicherheit: Wer viele Beziehungen hat, hat mehr Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden, der seinen Vorstellungen in puncto Gehalt und Tätigkeitsfeld entspricht. Hohes Sozialkapital steht zweifelsohne in Verbindung mit Lebenschancen und Wohlbefinden. Den Ergebnissen dieser Studie zufolge verfügen immerhin 38 Prozent aller Vorarlberger und Vorarlbergerinnen über ein hohes oder sogar sehr hohes Sozialkapital.

    "Interessant ist," schreiben die Autoren, "dass das Sozialkapital nicht nur mit der Anzahl, sondern auch mit der Verschiedenartigkeit der Kontakte zunimmt: Je bunter und vielfältiger die Kontakte, desto höher das Sozialkapital" (Amt der Vorarlberger Landesregierung 2002: 19).

    Die Bedeutung für nachhaltige Entwicklung ...

    Für den Erfolg nachhaltiger Entwicklung hat Sozialkapital vor allem deshalb eine entscheidende Bedeutung, weil Nachhaltigkeit letztlich stark von der Einhaltung normativer Vorgaben abhängt. Und gerade die Einhaltung von kollektiv weitgehend anerkannten Normen und sonstigen Handlungsanweisungen basiert zu einem Großteil auf Sozialkapital.

    Ein hohes Sozialkapital ermöglicht einen an den demokratischen Prinzipien orientieren partizipativen Dialog bei der Analyse und Lösung von Problemstellungen und übt somit einen positiven Einfluss auf eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung aus. Für Nachhaltigkeit und Sozialkapital gilt, dass sie als zwei sich bedingende und beeinflussende Elemente von gesellschaftspolitischen Fragestellungen gesehen werden können, wobei Sozialkapital Grundlagen für nachhaltige Gesellschaftsentwicklung bildet, aber auch in der Folge nachhaltigen Wirtschaftens und nachhaltiger Politikgestaltung entwickelt bzw. ausgebaut werden kann.

    ... hat keine automatisch vorgegebene Richtung

    Sozialkapital verhält sich dabei allerdings zu Nachhaltigkeit wie das Medium zu seinem Inhalt. Eine Gesellschaft mit einem hohen Niveau von Sozialkapital unterstützt nicht "automatisch" Ziele nachhaltiger Entwicklung. Soll nachhaltige Entwicklung erfolgreich sein, muss das "Medium" Sozialkapital mit nachhaltigen "Inhalten" aufgeladen werden.

    Das Monatsthema Juni auf Österreichs Nachhaltigkeitsplattform diskutiert detaillierter theoretische Ansätze und Konzepte, die Messung von Sozialkapital und die Bedeutung des Konzepts Sozialkapital in der Nachhaltigkeitsdebatte.

    Sozialkapital und Nachhaltige Entwicklung ist das Thema des Monats Juni 2006 im Internetportal

    Logo: Nachhaltigkeit.at
    Eine Initiative des Lebensministeriums



    Recherche und Aufbereitung: Steve Schwarzer, Michael Ornetzeder und Judith Feichtinger (ZSI - Zentrum für soziale Innovation)

    Direkt-Link zum Monatsthema 6/2006
    (mit Text-Vollversion und weiterführenden Informationen)
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      foto: photodisc
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