Der entlarvte Überernst des Kickens

26. Juni 2006, 20:00
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Endlich haben sich die Lachforscher Herrn Ronaldinho vorgeknöpft

Berlin - Sein Mund verbreitert sich in erstaunlichem Maße. Die Oberlippe rutscht hinauf. Sichtbar werden das Zahnfleisch und die nahezu unverwechselbaren, weit hervorstehenden Schneidezähne. "Ich bin hässlich, aber sympathisch", sagt Ronaldinho über sich selbst. Lachforscher haben herausgefunden, dass in dem auffälligen Lächeln aber auch ein Grund für die Dominanz des zweifachen Weltfußballers auf dem Platz liegt.

"Ronaldinhos Genie besteht darin, dass er den Überernst des Fußballs mit seinem Lachen entlarvt", erklärt Tom Dräger, einer von weltweit 200 Gelologen (Gelos heißt auf Griechisch Gelächter), die sich mit den physischen und psychischen Aspekten des Lachens beschäftigen. Der Leiter des Lachinstituts in Berlin glaubt, dass der Brasilianer durch die ständig zum Ausdruck gebrachte Lebensfreude frei von Psychodramen ist, die sich rund um den professionellen Fußball abspielen.

Der Star von Champions-League-Sieger FC Barcelona hat diese These indirekt bestätigt: "Ich wollte schon als Kind immer alles gewinnen. Aber ich konnte dabei immer lächeln. "Die Angst vorm Verlieren oder der Druck des Gewinnenmüssens hält der 26-Jährige mit seinem Lächeln klein. "Dadurch verfügt Ronaldinho über sein gesamtes Energiepotenzial und ist auch deshalb zurzeit der beste Fußballer der Welt", sagt Dräger.

Der Tuttlinger Gelologe Michael Titze rät unterdessen den Gegenspielern Ronaldinhos, sich nicht von seinem Lächeln täuschen zu lassen: "Damit will er sich nicht beliebt machen, sondern seinen Dominanzanspruch zum Ausdruck bringen. "In dem Gesichtsausdruck glaubt Titze das urmenschliche Zähnefletschen als "ritualisierende Drohgebärde" zu erkennen: "Bei Ronaldinho sorgt aber der Lachmuskel dafür, dass die Mundwinkel stark auseinandergezogen werden. Dadurch verliert das Zähnefletschen seine ursprüngliche Bedeutung, behält aber eine aggressive Note."

Schon als Kind hat sich Ronaldinho das durch ein offensives Lachen zur Schau getragene Selbstbewusstsein angeeignet. "Comedor de rato", Mäusefresser, nannten ihn die Kinder in seiner Heimatstadt Porto Alegre wegen seiner markanten Zähne. Doch nie hat er sein Lächeln hinter verschlossenen Lippen versteckt.

Ronaldinho: "Niemand hat so schöne Zähne wie ich. Gegenspieler versuchen manchmal, mich wegen meiner Zähne zu beleidigen, aber das zieht bei mir überhaupt nicht. "Der oft geäußerte Zweifel an der Echtheit von Ronaldinhos Lächeln ist für Titze Beleg für einen Irrglauben: "Viele verbinden Leistung mit Ernsthaftigkeit, aber genau das Gegenteil ist der Fall."Kein Training der Welt sei umfangreicher als ein ausgiebiges Lachen, bei dem alle Muskeln im Körper gestärkt werden. Außerdem hätten Untersuchungen ergeben, dass das Anspannen der Lachmuskeln die Sauerstoffversorgung des Gehirns erheblich verbessere. (DER STANDARD; Printausgabe, Dienstag, 27. Juni 2006, sid, red)

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    Ronaldinho lacht nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch bei der Besprechung eines Spiels.

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