Zu null anstelle von Nullen

30. Juni 2006, 16:17
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Sie standen im Schatten des "neuen, kreativen Deutschlands" - Vor Argentinien besinnt man sich allerdings doch der alten Tugenden

Berlin - Jetzt kann eigentlich nichts mehr passieren. Nachdem zu Beginn des Turniers der deutsche Sturm, vor allem aber das Mittelfeld so hoch gelobt worden ist, ist man im Gastgeberland jetzt auch draufgekommen, dass die Viererkette eine sehr gute sei. Und diese Güte werde nun, im Angesicht von Argentinien, noch mehr vergütet, denn die Viererkette glaubt mittlerweile selbst daran, eine sehr gute zu sein. "Wir haben genug Selbstvertrauen und werden auch der Herausforderung Argentinien gewachsen sein", prophezeit sich Innenverteidiger Christoph Metzelder. Und selbst der rechte Außenpracker, der so viel gescholtene Arne Friedrich, stellt gegenüber seinen Scheltern klar: "Ich kann auch flanken", auch wenn er das gegen Schweden, wohl auftragesgemäß, lieber unterließ.

Das Herumkritikastern an der deutschen Abwehr hatte einen guten Grund: das Auftaktmatch gegen Costa Rica, gegen das zwar vier Tore gelangen, man aber auch zwei Tore entgegenzunehmen hatte. Seither aber zog sich die Defensive nur noch Nullen zu, was die Zuversicht für den Freitag erheblich erhöht.

Arne Friedrich, Per Mertesacker, Christoph Metzelder und Philipp Lahm (von rechts nach links) werden wohl tatsächlich das Herzstück des Deutschen Viertelfinales gegen Argentinien sein. Das Zusammenspiel und der Gleichschritt - Friedrich hat den gegen Costa Rica zweimal sträflich versäumt - klappen inzwischen. Aber, so Metzelder, dass die Viererkette derzeit gut stehe, sei auch das Verdienst der "defensiven Disziplin im Mittelfeld". Ausdrücklich will er hier den Platzchef, Michael Ballack, erwähnen: "Wie er sich defensiv ein- und unterordnet ist hervorragend."

Das ist freilich nicht nur der gute Wille Ballacks, sondern schon auch das strenge Trainerwort. Ballack unterstützt in seiner defensiveren Rolle nicht nur den zuvor oft alleine gelassenen Frings, er gibt so auch der lange Zeit wackligen Deckung genügend Halt. "Die Abwehr steht jetzt sicher, weil sie nicht mehr so spontan angegriffen wird. Dadurch ist der Druck nicht mehr so groß", erklärt der Cheftaktiker im Betreuungsstab, Joachim Löw.

Und über allem schwebt das für alle anderen als Damoklesschwert empfundene Diktum: "Deutschland ist eine Turniermannschaft."Tatsächlich war gerade in der Abwehr eine bemerkenswerte Leistungssteigerung zu sehen. In der Defensive hatte zu Beginn ja nur Lahm überzeugen können. Mittlerweile ist Mertesacker mit über 80 Prozent gewonnenen Zweikämpfen der diesbezüglich stärkste Spieler des Turniers. Daheim bei Borussia Dortmund saß er zuletzt meist auf der Bank, was Jürgen Klinsmann aber weiter nicht anfocht. "Er spielt eine zentrale Rolle. Ich habe immer gesagt, dass wir auf ihn bauen. Er wächst jetzt, wird immer selbstbewusster. Er ist von Natur aus ein Leader und gibt unserer Defensive das richtige Gleichgewicht."

Das ist so schön gesagt, dass auch die Buchmacher nicht anders mehr können. Nur noch 50:10 zahlt mittlerweile ein erfolgreicher Titeltipp für Deutschland. Da macht auch ein Sieg über Argentinien natürlich nicht mehr reich.

Argentinien lässt sich diese Euphorie gerne gefallen. Und schlägt sich mit dem - wohl eher ungewollten - Maskottchen Maradona herum. Der urgierte zuletzt vehement Messi und Tevez in die Startformation. Währenddessen lässt sich der bislang überragende Juan Sorin nicht aus der Ruhe bringen. "Die deutsche Defensive ist nicht mehr so solide wie früher." Wie manche Blicke sich manchmal gleichen und manchmal nicht. (DER STANDARD; Printausgabe, Dienstag, 27. Juni 2006, sid, wei)

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    Herzstück des Herzstücks: Christoph Metzelder (li.) und Per Mertesacker üben, quasi, die Abseitsfalle, bei der auch der Gleichklang gefragt ist.

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