Schützt die europäische Gurke

26. Juni 2006, 20:13
54 Postings

Peter Menasse sorgt sich um die Eleganz des Fußballs und fordert eine Regelverschärfung

Die US-amerikanische Kultur hat nach 1945 unter heftigen Protesten der jeweils Altvorderen mehr und mehr Besitz von Europa genommen. In meiner Jugend schimpften die Lehrer angesichts der ersten damals eng geschnittenen Jeans über die "degenerierten Röhrlhosen"oder erregten sich heftig über den Kaugummi. Mit dem Auftreten von McDonald's geriet Fastfood in die Kritik der Retter des Abendlands, und ein ewiges Thema ist die Verwendung von Anglizismen. Genutzt hat das rein gar nichts, und so werden auch meine Appelle an eine Abwendung von der Amerikanisierung des Fußballs verpuffen, wie die Versuche der US-Boys, eine ausreichende Anzahl von Toren bei einer WM zu schießen.

England hat den Fußball erfunden, Kontinental-Europa und Südamerika haben ihn übernommen und zur wunderbarsten Sportart unter allen weiterentwickelt. Die bisherigen Ergebnisse der WM zeigen es deutlich: Auch wenn Illinois, Utah, Texas, Arizona und wie diese exotischen Länder sonst noch heißen mögen, gemeinsam als USA antreten dürfen, fliegen sie doch sofort raus, während zehn europäische Länder, darunter auch ganz kleine, bravourös das Achtelfinale erreichen. Hopp, Schwyz, sage ich da nur.

Fußball ist Teil der europäischen Kultur, und wäre das in die EU-Verfassung aufgenommen worden, hätte man sich über einen breiten Konsens keine Sorgen machen brauchen. Bei dieser WM aber zeigt sich ein Trend, der jeden Liebhaber des gepflegten Fußballs traurig stimmen muss. Es gibt eine Entwicklung hin zum American Football. Leichtathleten und Karate-Meister übernehmen das Kommando und untergraben jedes elegante, fintenreiche Spiel. Bald wird man nicht mehr von den Zidanes oder Ronaldinhos reden, weil die mit abgerissenen Achillessehnen, ausgestochenen Augen oder eingetretenen Knien in den Krankenhäusern liegen, sondern das Talent von riesigen Kerlen im Haare-Reißen, Würgen und Fußabtreten bewundern müssen.

Wer den Stoppelabdruck auf Figos Wange im Spiel gegen den Iran oder das Match Portugal gegen Niederlande gesehen hat, weiß, wovon ich rede. Dann aber werden die US-Boys mit ihren, im Football gestählten Spielern das Kommando über den Fußball übernehmen und zu Serienweltmeistern werden. Die Rettung liegt einzig und allein bei der FIFA und ihren Schiedsrichtern: Macht Fußball wieder zu einem Sport der europäischen Eleganz, verschärft die Regeln, schließt die Karatekämpfer allesamt aus. Die Pittsburgh Steelers mögen die Super Bowl gewinnen. Das Scheiberlspiel, der Pass in die Gasse, das Höscherln und die Gurke aber müssen als europäisches Kulturgut geschützt werden. (DER STANDARD Printausgabe 27.06.2006)

Zur Person:

Peter Menasse, Kommunikationsberater in Wien und Chefredakteur des Magazins "NU".

Share if you care.