Schuld ist "russische Bedrohung"

18. Juli 2006, 11:11
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Zwischen Enttäuschung und Verschwörungstheorien bewegen sich in Russland die Reaktionen auf den gescheiterten Einstieg Severstals bei Arcelor. Severstal will rechtliche Schritte prüfen und sein Angebot nachbessern.

Moskau - Mit voller Überzeugung, dass es ihm gelinge, seinen Konzern Severstal endgültig mit Arcelor zu fusionieren, war Konzernchef Alexej Mordaschow am Samstag nach Luxemburg gekommen. Im Talon hatte er zudem eine Kreditzusage der Bank ABN Amro über mehrere Milliarden Dollar zur Erhöhung des Angebots. Dass die Fusion schließlich doch scheiterte, hat Empörung in Russland ausgelöst.

Severstal werde jedenfalls alle Möglichkeiten prüfen, rechtlich Schritte gegen Arcelor zu unternehmen, bestätigte Severstal-Strategiechef Thomas Veraszto gegenüber dem Standard. Dass man das Angebot nachbessern will, wurde dann am Montag in einem Konzernkommunique bekannt gegeben.

Laut Wirtschaftszeitung Vedomostiist neben ABN Amro auch Russlands reichster Oligarch Roman Abramowitsch bereit, Severstal finanziell zu helfen. Abramowitsch hatte sich erst letzte Woche beim größten russischen Stahlkocher Evraz-Group mit 41 Prozent eingekauft. Dass Severstal und Evraz-Aktionäre gemeinsam ein neues Angebot an Arcelor stellen, wird von Beobachtern nicht ausgeschlossen.

Dass Abramowitsch aber auf Arcelors Seite steht, hat indes die Zeitung Kommersantberichtet. Abramowitsch habe mit Mittal über einen Verkauf seiner Evraz-Anteile diskutiert. Demnach hätten die Arcelor-Aktionäre sich für Mittal entschieden, weil ihnen Mittal auf diese Weise einen Eintritt auf den russischen Markt versprochen habe.

Empört über die Arcelor-Entscheidung zeigte sich jedenfalls nicht nur Severstal, sondern auch die russische Öffentlichkeit. Von Anfang an hatte außer Zweifel gestanden, dass Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich den Verhandlungsbeginn abgesegnet und darin auch einen Meilenstein für die globale Expansion russischer Konzerne gesehen hatte.

Doppelstandards

Die erste Reaktion von Energieminister Viktor Christenko, der seinem Wunsch Ausdruck verlieh, in der Ausbootung Severstals "kein Anzeichen von Russophobie gegenüber der erstarkten russischen Wirtschaft sehen"zu müssen. Er sprach aber von "Doppelstandards", die seiner ansicht nach in diesem Fall "ganz offensichtlich"angewendet worden seien.

Für Putin-Intimus Parlamentschef Boris Gryslow besteht kein Zweifel, dass Russland geschnitten werde - und zwar weil man seine Konkurrenzfähigkeit fürchte. "Die unvorhergesehene Propagandaskampagne wurde gestartet, weil uns die Europäer ganz offensichtlich nicht auf ihre Märkte lassen wollen."

Diese Sicht verbreitet auch die staatliche kontrollierte Tageszeitung Izvestijaund spricht ganz klar von antirussischen Ressentiments und dem Spiel mit dem Mythos der "russischen Bedrohung", der sich hier zeige.

Die Aussagen bewegen sich auf der Linie von Präsident Putin, der die Energieversorgung Europas von der Bereitschaft des Westens, russische Konzerne auf Europas Märkte zu lassen, abhängig macht. Vor Severstals Interesse an Arcelor haben sich die Expansionsambitionen auf den Gasmonopolisten Gasprom beschränkt, gegen dessen Engagment sich die europäischen Staaten sträuben.

Die russische Zeitung Kommersant rechnet deshalb mit Spannungen zwischen den Repräsentanten der EU und Russlands noch vor dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrieländer, G-8, Mitte Juli in Petersburg. Das Blatt Nesawisimaja Gasetahingegen sieht in der Scheinallianz mit Severstal ein "brillantes Manöver"von Arcelor, wodurch dieser in der Übernahmeschlacht einfach seinen Preis nach oben getrieben habe. "Arcelor hat Mordaschow gelegt", titelte die renommierte Wirtschaftsagentur RBC. (Eduard Steiner, Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2006)

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