Lieder der Erschöpfung

26. Juni 2006, 17:25
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Bariton Thomas Hampson im Wiener Musikverein

Wien – Thomas Hampson hat sich alles abverlangt und sich eine Woche nach einer Lebensmittelvergiftung vielleicht doch etwas (zu) viel zugemutet. Gemeinsam mit seinem aufmerksamen Begleiter Wolfram Rieger widmete sich der Bariton, in Abänderung des ursprünglichen Programms, ausschließlich Werken von Robert Schumann, anstatt, wie geplant, Liedern von Alexander Zemlinsky und Erich Wolfgang Korngold mit einzubeziehen. Laut Programmheft eine Hommage zum 150. Todestag des Komponisten.

Über stimmliche Probleme konnte Hampson aber weder im "Liederkreis" op. 35 noch in der "Dichterliebe" hinwegsingen. Trotz aller Routine und Erfahrung, die er besonders mit der vier zusätzliche Lieder umfassenden Originalfassung der "Dichterliebe", die Schumann unter dem Titel "20 Lieder und Gesänge aus dem Lyrischen Intermezzo im Buch der Lieder für eine Singstimme und Pianoforte" nach Gedichten von Heinrich Heine zusammengestellt hat.

Kein Risiko

Was im Forte mit Stimmdruck zu erzwingen ist, verlangte der Wiener Publikumsliebling seiner Stimme beeindruckend ab. Und dies mächtig und wortdeutlich. Doch wo die leisen Töne zum Tragen hätten kommen müssen, machten sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Kaum konnte der Amerikaner das Risiko wagen, seine Klangfarbenpalette zum Einsatz zu bringen.

Piani sicherte er in der Kopfstimme ab, die Anstrengung verfälschte bisweilen die sonst so treffsichere Intonation. Dann auch: In tieferen Lagen wich Hampson manches Mal auf expressiven Sprechgesang aus.

Charme und Geschick des Könners präsentierte Hamp^son bei Ich grolle nicht; klug mit seinen Kräften haushaltend, überließ er die exponierte Lage des dramatischen Höhepunkts dem Klavier, ließ sich aber in der Intensität des Erzählens durch nichts beirren. Auch nicht durch diverse Handys, die das Konzert im Musikverein viermal eher nervtötend störten, wie wohl Hampson die berechtigte Verärgerung anzumerken war.

Wie auch immer: Am Ende nahm er den Applaus des Musikvereinspublikums entgegen – sichtlich erschöpft allerdings. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2006)

Von
Petra Haiderer
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