Extremadura: Eine ganze Region setzt voll auf Linux

23. August 2006, 15:44
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Ein Gespräch des WebStandard mit dem für die Umsetzung verantwortlichen José Ángel Díaz Díaz

Im November 2003 geisterte eine Meldung durch die IT-Presse, die für einige Aufregung sorgte: Eine ganze spanische Region hatte angekündigt eine Computerinitiative zu starten, die mehr als 80.000 Linux-Rechner in die Schulen bringen sollte. Der Name der Region ist Extremadura, ein Name der seitdem zu einem Symbol für erfolgreiche Linux-Desktop-Einsätze geworden ist.

Geschichte

Die erste Idee für das Projekt hatte man bereit im Jahr 1999, wie José Ángel Díaz Díaz am Rande der GNOME- EntwicklerInnenkonferenz GUADEC gegenüber dem WebStandard berichtet. Die Regionalregierung des Bundesstaates Extremadura - eine der ärmsten Regionen Europas - hatte die Befürchtung, dass man davor steht eine weitere Möglichkeit zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu versäumen: Den Internet-/IT-Boom. Um dem entgegen zu wirken machte man sich an ein ambitioniertes Projekt: Alle Orte der weitläufigen Region - Extremadura macht 8 Prozent der gesamten Landfläche Spaniens aus, aber nur 2,6 Prozent der Bevölkerung - sollten mit einer ADSL-Anbindung versorgt werden.

Internet für alle

Mit "allen" sind in diesem Fall auch wirklich alle noch so kleinen Orte gemeint, wie Díaz betont, selbst Mini-Ortschaften mit 4 EinwohnerInnen habe man einen Netzzugang verschafft. Dies sei aus Gründen eines für alle gleichen und fairen Zugangs zu Informationen und Technologie wichtig. Allerdings bringt so ein Netzanschluss natürlich kaum etwas, wenn die solcherart beglückten EinwohnerInnen nicht die notwendige PCs ihr eigen nennen, um ihn auch nutzen zu können. Also machte man sich an das nächste Projekt, die Schaffung einer umfassenden Computerinfrastruktur.

Auswahl

Als eine der ersten Fragen bei der Planung der praktischen Umsetzung des Plans, tauchte die nach der Wahl des Betriebssystems auf. Schnell kristallisierte sich heraus, dass die Benutzung der verbreiteten Microsoft-Programme wie Windows und MS Office nicht in Frage kommen - die notwendigen Lizenzzahlungen hätten das Budget bei weitem gesprengt. So kam es zu der Entscheidung statt dessen auf Linux zu setzen. Da man recht spezielle Anforderungen hatte, entschloss man sich dazu eine eigene Distribution ins Leben zu rufen: LinEx.

Anforderungen

Auf Debian basierend setzte man einen GNOME-Desktop auf, der vor allem auf besonders einfache Benutzung abzielt, schließlich soll er sich auch an Bevölkerungsgruppen richten, die noch nie zuvor einen Computer benutzt haben. Das muss man sich zum Beispiel so vorstellen, dass das normale Icon für den OpenOffice.org Writer durch das Gesicht des bekannten spanischen Schriftstellers Cervantes ersetzt wurde, um so den Zusammenhang mit der Tätigkeit logisch herzustellen.

Trickreich

Trotzdem sei es nicht einfach gewesen, alle der anvisierten Zielgruppen für das Projekt zu begeistern, gerade viele ältere Personen hätten ihren Unwillen noch mal dazu zu lernen artikuliert, so Díaz. Doch auch hier hat man sich etwas einfallen lassen: Man hat sich schlicht angeschaut, wofür sich die solcherart Umworbenen begeistern können, und kam zu dem Ergebnis: Bingo. Also schrieb man ein spezielles Programm und verband Bingo-Abende mit einer Computereinführung, wer mitspielen wollte, musste sich lernwillig zeigen, ein Trick der sich als erfolgreich erwies.

Konzepte

Trotzdem hätten sich dabei auch grundlegende Probleme mit gewissen Konzepten im Computerbereich gezeigt, so Díaz weiter. Es sei wirklich nicht einfach, jemanden, der von technischen Dingen keinerlei Ahnung hat, zu erklären, wie eine Maus richtig zu bedienen sei, auch Dinge wie der "Doppelklick" seien nicht so ohne weiteres zu vermitteln. Mittlerweile hat man 44 solcher Computerzentren geschaffen, zusätzlich gibt es eine Reihe von mit Rechnern ausgestatteten Bussen, die durch die kleineren Ortschaften fahren und so zumindest regelmäßig Computer zur Verfügung stellen.

Schulen

Eine zweite Kampagne widmet sich hingegen voll und ganz dem Nachwuchs: Zu einem Zeitpunkt, als es in vielen anderen Ländern im besten Fall einen dezidierten Computerraum in Schulen gab, ging man in Extremadura daran, dafür zu sorgen, dass alle SchülerInnen zu jedem Zeitpunkt einen Computer zur Verfügung haben. Auch dies wurde mittlerweile fertig umgesetzt, in jede Klasse teilen sich zwei SchülerInnen einen PC - etwas das bei Besuchen von an dem Projekt interessierten VertreterInnen anderer Länder und Regionen immer wieder für ungläubige Verblüffung sorgt. Also gibt man diesen die Möglichkeit, sich einfach selbst eine Schule und einen Klassenraum auszuwählen, damit sie nicht glauben, dass es sich hierbei lediglich um eine Show handelt.

Tatsachen gegen Zweifel

Ungläubigkeit sei überhaupt eines der Hauptprobleme beim Start des Projekts gewesen, gerade viele LehrerInnen konnten sich nicht vorstellen, dass die Umsetzung tatsächlich einmal erfolgen würde und weigerten sich, die notwendigen Dinge für den neuen Unterricht zu lernen. Also entschloss man sich dazu einfach Tatsachen zu setzen: Am ersten Schultag standen so plötzlich in der ganzen Klasse Rechner auf den Tischen, die LehrerInnen waren also dazu gezwungen sich mit der neuen Situation auseinander zu setzen.

Linux-Tourismus

Von den zuvor erwähnten BesucherInnen aus anderen Gegenden der Welt gibt es mittlerweile übrigens eine ganze Menge, nachdem das Projekt auf der Titelseite der Washington Post gelandet war, entwickelte sich das Ganze flott zu einer Art "Role Model" für andere Länder und Regionen, die ebenfalls von Microsoft weg wollten. Mittlerweile pflegt man rege Kontakte vor allem in andere spanisch oder portugiesisch sprechende Länder wie Argentinien, Chile, Nicaragua oder Brasilien. Aber auch mit Behörden aus England, Frankreich, Japan oder China arbeite man zusammen, wie Díaz herausstreicht.

Migrationen

Im Projekt mit dem Namen "Jara" hat man in der Zwischenzeit auch das gesamte Gesundheitssystem auf das Open Source Betriebssystem umgestellt, der nächste Schritt ist ebenfalls bereits in Planung: Alle Regierungsbehörden sollen vollständig auf Linux migriert werden. Manche Projekte entstehen mittlerweile aber bereits von selber: So habe ein Lehrer ein Programm entwickelt, mit dem er die Berechtigungen der SchülerInnen zentral steuern und deren Tätigkeiten überwachen kann - eine Software, die man in Folge in die offizielle Distribution übernommen hat.

Pläne

Derzeit arbeitet man weiter an der Verbesserung von LinEx - eine neue Version wurde erst vor wenigen Tagen veröffentlicht - und den darin enthaltenen Komponenten. So soll im Futura-Projekt der GNOME-Desktop auf eine DirectFB-Basis gesetzt werden, da der konventionelle X.org-Server zu viele Ressourcen verbraucht, mit dem man aus finanziellen Gründen sparsam umgehen muss. Wirklich aktuelle Hardware ist für Extremadura einfach nicht leistbar. Auch arbeitet man mit dem Gambas-Projekt zusammen, um eine gewisse Ebene von Kompatibilität zu Visual Basic zu erreichen und die Migration der Regierungsrechner von Windows weg zu erleichtern.

Hoffnungen

Ein weiteres Unterfangen soll IT-Startup-Unternehmen unter die Arme greifen, schließlich sollen auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Für die Zukunft hat José Ángel Díaz Díaz, der auch Vorsitzender der GNOME User-Gruppen Spaniens ist, große Hoffnungen. Schließlich würden die Kinder in den Schulen nun bereits seit einer geraumen Zeit auf Linux-Rechnern arbeiten, daraus könnte in den nächsten Jahren eine neue Generation von Linux-EntwicklerInnen und -ExpertInnen entstehen. (apo)

Andreas Proschofsky berichtet von der GUADEC aus Vilanova i la Geltrú.

Links

GUADEC

LinEx

  • José Ángel Díaz Díaz bei seiner Präsentation auf der GUADEC
    foto: andreas proschofsky / derstandard.at

    José Ángel Díaz Díaz bei seiner Präsentation auf der GUADEC

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