Sprach-Täter/innen

27. Juni 2006, 07:00
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Die Widerstände gegen eine gendergerechte Sprache sind vehement - Ein Kommentar sowie der Brief einer Leserin zum hitzigen Diskurs

Einfach lächerlich, diese weibliche Schrift- und Sprachform! Binnen-I und Co würden jeden Text verunglimpfen und seien darüber hinaus nicht artikulierbar! Diese und ähnliche Beschwerden werden seit Jahren von GegnerInnen einer gendergerechten Sprache vorgebracht und lassen sich im Prinzip auf zwei Argumentationsstränge reduzieren. Erstens: Frauen seien in der herkömmlichen Form sowieso mitgemeint, und zweitens stelle die Modifizierung in weiblicher, sprich neutraler Form eine "Vergewaltigung der deutschen Sprache" dar, die sie entgegen jedes ästhetischen Anspruchs unlesbar und im selben Maße unsprechbar mache.

Dem kann ebenso mit zwei auf das Wesentliche reduzierten Fakten entgegnet werden. Frauen sind in der gängigen, patriarchalen Schrift- und Sprachform weder augenscheinlich noch symbolisch mitgemeint, wie jede/r klar erkennen können sollte. Ein Faktum übrigens, das anhand der Spachgeschichte belegt und für Interessierte nachzulesen ist. Ebenso und daran knüpfend erweist sich das Argument der "Verunglimpfung deutscher Sprache" tatsächlich als eines der Reduktion auf Ästhetik. Denn Sprache - die Art und Weise des Sprechens und Schreibens - befindet sich in stetem Wandel, passt sich den kulturellen und gesellschaftspolitischen Veränderungen an, zeigt sich als Gradmesser derselben.

Wenn also die tradierte "männliche" Sprachform bewahrt werden soll, hieße das auf einem Kulturstatus zu verharren, der den heutigen gesellschaftlichen Standards nicht mehr entspricht. Jenem, der Frauen als gleichberechtigte Bürgerinnen und Kulturträgerinnen ignoriert, sie in geschriebener und gesprochener Form ausblendet und damit unsichtbar macht.

Mit Geschlechter-Gerechtigkeit hat die Mehrheit hierzulande (und nicht nur hier) bekanntlich wenig im Sinn. Im Gegenteil: BefürworterInnen der Sprachreform müssen sich von GegnerInnen anhören, sie seien I-Tüpferl-ReiterInnen, nicht ernstzunehmende FeministInnen, Sprach-TäterInnen.

Ein aktuelles Beispiel lieferte der Chefredakteur der Kleinen Zeitung Kärnten, Reinhold Dottolo, in der Ausgabe vom 18. Juni 2006 mit seiner Meinung über geschlechtergerechte Formulierungen: Dabei handle es sich um "modische Sprachverletzung" und "im allgemeinen Sprachverständnis bei Kollektivbezeichnungen" seien beide Geschlechter gleichrangig angesprochen und gemeint. Daraufhin, weil gänzlich anderer Meinung, konterte eine Leserin mit einem Brief an Herrn Dottolo, den wir hier im Wortlaut wiedergeben:

Sehr geehrter Herr Chefredakteurin Dottolo!

Mit der Anrede konnotieren Sie ja sicherlich ganz von selbst auch die mitgemeinte männliche Form!

Das Abfassen von Texten und Sprechen in geschlechtergerechten Formulierungen signalisieren heute längst nicht mehr zu verzichtende Standards und ein selbstverständliches, allgemeines Sprachverständnis, welche ein Äquivalent für ein differenziertes Bewusstsein implizieren, somit nicht nur etwas meinen, sondern bedeuten. Umso mehr macht es Staunen und muss mit Befremden zurück gewiesen werden, wenn ein Vertreter eines Mediums in meinungs- und bewusstseinsbildender Funktion geschlechtergerechte Sprachverwendung als "gern gewählte Versal-Endungen" bezeichnet.

M. E. handelt es sich dabei nicht bloß um solche und schon gar nicht um "eine modische Sprachverletzung", wie Sie in Ihrer Antwort an die "Frau Lehrer Vötsch" kundtun. Die "Sprachverletzung" lässt sich an anderem Ort erkennen, geschieht viel mehr hier durch Ihren persönlichen Modus, die Sprache zu verwenden, indem Inhalte transportiert werden, die wir gemeinhin schon überwunden glaubten und eher dahin tendieren, bewusst Urzustände wieder her stellen zu wollen, sollen.

Bemerkenswert erscheinen Ihre Begründungen, mit denen Sie auf die Deprivation von geschlechtergerechter Sprache in Ihren Stellungnahmen verweisen: Platzsituation, Buchstaben feilschen, Prämisse der Lesbarkeit.
Dazu kann nur noch gesagt werden: diese Argumente lassen sich ganz leicht in allen Punkten täglich durch diverse Seiten und Beiträge in Ihrer Zeitung widerlegen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Helene Maria Socher

(dabu)

27.06.2006
  • Bild nicht mehr verfügbar
    Frau und Mann in Stein gehauen (Relief aus Maras, 1.300 v.u.Z.)
    So starr sollte Sprache nicht sein.
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