Der WM-Titel als Pflicht

26. Juni 2006, 10:55
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Brasilianische Fans ha­ben klare Erwar­tungen, nach den schwachen Gruppenspielen kommen erste Zweifel auf

Rio de Janeiro - Pedro schaut verwundert. "Wer wird Weltmeister? Was ist denn das für eine Frage? Brasilien natürlich". Der 13-Jährige aus Rio de Janeiro ist sich ganz sicher. Für Pedro und die anderen Kinder aus den Favelas, den Elendsvierteln in Rio de Janeiro, muss Brasilien es einfach werden. Für sie ist Fußball alles auf der Welt: Beruhigungspille, Pushmittel und der Traum, der Armut zu entkommen. Zusammen mit Mateus, David und Gustavo beginnt Pedro wieder mit den Dribbeleinheiten.

Jeden Samstag und Sonntag trainieren sie im Flamengo-Park bei Jose Joao in der Fußballschule. Der 74-jährige Ex-Fußballer will den Burschen mit seiner kostenlosen Fußballschule "Nova Safra" (Neue Ernte) einen Weg aus dem Kreislauf aus Drogen und Verbrechen in den Favelas zeigen. In den vergangenen 20 Jahren hat er bereits über 2.000 Jugendliche trainiert und tatsächlich haben 170 seiner Schüler Verträge von Vereinen bekommen.

Der Traum vom Profi-Fußball

"Selbst aus Europa kommen Talentsucher, um sich meine Burschen anzuschauen", sagt Jose Joao stolz. Auch Pedro träumt von einem Vertrag. Er will Profifußballer werden; genau so wie sein Vorbild Ronaldinho, der mit seinen Ballkünsten ebenfalls den Weg aus den Favelas gefunden hat und "einfach der Größte ist. Mit ihm wird Brasilien Weltmeister", will Pedro noch einmal klarstellen. Die Brasilianer sind sich sicher, dass ihre Mannschaft die WM wieder gewinnen wird. Selbst Fußball-Idol Pele erklärte, dass die Favoritenrollen "vielleicht der komplizierteste Feind" dieses Turniers sei.

So verlangt Brasilien von Ronaldo und Co. nicht nur den Titel, sondern Perfektion. Fußball ist für viele das Einzige, was sie haben, und der WM-Pokal ist für sie Ausdruck ihrer Illusionen, ein Gegengewicht zu den Ungerechtigkeiten und der Armut in ihrem Land. Sobald die Selecao den Rasen betritt, steht das Land still: Kein Taxi fährt mehr, sogar große Einkaufszentren und die Börse schließen vorzeitig. Fußball hält das Land zusammen, ist das Symbol einer Nation und für viele Brasilianer der einzige Fluchtweg aus dem tristen Alltag. Deshalb ist der WM-Gewinn kein Traum, sondern Pflicht.

In Brasilien wird immer gekickt

Niederlagen wie im Finale 1950 im eigenen Land gegen Uruguay sind schlimmer als jede Naturkatastrophe. In Brasilien wird einfach immer Fußball gespielt: Selbst nachts um 2:00 Uhr kicken die Brasilianer noch am beleuchteten Strand der Copacabana. Brasiliens Strandkicker sehen sich regelrecht als Künstler und beeindrucken Touristen wie Einheimische mit Jongliereinlagen. So stellen sie auch erhöhte Erwartungen an ihre Selecao, an die "Halbgötter in Gelb".

Selbst auf Werbeplakaten und im Fernsehen fordern Coca-Cola, McDonald's und der Ölkonzern Petrobras vom fünffachen Weltmeister bestimmend "Rumo a Hexa" - "Auf zur Sechsten". Doch nach den ersten Gruppenspielen kommen auch erste Zweifel auf. "Bisher spielen wir nicht gut genug, um wirklich die WM zu gewinnen. Die Spieler bewegen sich zu wenig, warten, bis der Ball zu ihnen kommt. Das ging gegen Japan noch gut und wird auch wohl im Achtelfinale gegen Ghana funktionieren. Aber gegen europäische Teams reicht das nicht", ist sich Jose Joao sicher. Viele Spieler wie Ronaldinho spielen seiner Meinung nach auf der falschen Position, sind zu alt oder im Falle Ronaldo zu dick.

"Wir sind technisch einfach überlegen"

Dennoch zweifelt auch Jose nicht an der Überlegenheit des brasilianischen Fußballs. "Wir sind technisch einfach überlegen. Wir sind ein Volk mit fast 200 Millionen Menschen, unendlich vielen Talenten und in Brasilien bedeutet der Fußball einfach alles. Wenn irgendwann einmal der Fußball und der Karneval abgeschafft werden würde, gäbe es in Brasilien einen Bürgerkrieg", versichert Jose Joao.

"König Fußball" kann in Brasilien selbst Staatsoberhäupter krönen. Das weiß auch Präsident Lula da Silva. Mit Blick auf die Wahlen im Oktober stellt er sich so lieber an die Seite des Nationalteams, als politische Versprechen abzulegen. Fotos mit Trainer Parreira und Kaka wirken in einem Land mit nicht einmal zwei Millionen Zeitungslesern, aber 185 Millionen Fußballexperten, halt besser. Ein WM-Titel würde seine Wiederwahl sichern.(APA)

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