Neue Designer im Anzug

21. Juli 2006, 12:46
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Beim "6 festival" zeigte die österreichische Mode, was sie kann: Sie ist widerspenstig und kompromisslos. Für den internationalen Markt ist das (noch) zu wenig

In Österreichs Kulturlandschaft ist Mode ein lieblos gehegtes Mauerblümchen. Ab und zu wird es gegossen, zu Kräften kommt es allerdings nicht. Nur einmal im Jahr darf sich die Mode in voller Blüte präsentieren, dann heftet man sie sich ans Knopfloch und richtet ihr Defilees aus wie in Mailand oder Paris. Wirklich gute Figur macht sie dabei aber selten. "6 festival for fashion, music & photography" hat man in diesem Jahr jenes Ereignis genannt, das in den vergangenen Jahren etwas bündiger Fashion Week hieß. Ein Festival samt Symposium, Fotoausstellung, Musik, Verkaufsveranstaltungen - und der großen abschließenden Modeschauen, bei denen die heimischen Modemacher ihre Kreationen über den Laufsteg schicken. Für viele ein Lackmustest: Denn wirkliche Schauen-Routine haben die wenigsten von ihnen, jene, die in Paris, London und New York zeigen (in Mailand präsentiert derzeit kein Österreicher), sind genau an einer Hand abzuzählen, wobei die Mehrzahl von ihnen nur mit Mühe als "heimische" Designer zu bezeichnen sind. Mode lebt in diesem Land - wie kaum irgendwo sonst - von der Grenzüberschreitung.

Beinahe paradigmatisch ist das bei Petar Petrov zu sehen, der in diesem Jahr mit gleich zwei Kollektionen vertreten war und insgesamt den stärksten Eindruck hinterließ. Der Bulgare, der in Wien arbeitet, Paris zeigt und in seiner ursprünglichen Heimat fabrizieren lässt, ist der Shootingstar der jüngeren Generation. Er verbindet den Look des Ostens mit dem Street-Chic des Westens, stattet Jungs aus, die trotz ihrer Milchgesichter gerne ein bisschen härter wirken möchten. In der Herbst/Winter-Kollektion schwingt sich Petrov zu einem Hedi Slimane aus Sofia auf, wie beim Dior-Homme-Designer werden die engen Beinkleider von Hosenträgern gehalten, schlichte Prints akzentuieren die blassen Farben. Und immer wieder blitzt ein glamouröses Detail auf. Für die für eine heimische Brauerei erarbeitete Kollektion (neben Männer- zeigte er hier auch Frauenoutfits) setzte er sogar maßgeblich auf den Glanz von Silber.

Ein geschmacklicher Grenzgang - doch das ist man in Wien gewohnt. Gefällige Mode wie sie etwa der Austro-Grieche Marios Schwab präsentierte (hautenge und superkurze Kleider mit Metallapplikationen meist rund um die Brüste), sieht man bei heimischen Designern selten. In London hat er damit Erfolg, in Wien reagiert man zwiespältiger. Hier dominiert noch immer Konzeptmode, wichtiger als das konkrete Kleidungsstück scheint in dieser Stadt die versponnene Haltung zu Mode zu sein - klar, dass man sich dabei vorzugsweise bei anderen Diskursen als jenem teilweise doch sehr inhaltsleeren der Mode orientiert.

Verbündete der Mode

Im Falle des "6 festivals" war es jetzt die Musik: Sie wurde im Vorfeld von der Modeplattform Unit F - sie konzipiert und organisiert das Festival - als eine der engsten Verbündeten der Mode ausgerufen. Dagegen lässt sich nichts einwenden - die Übersetzung ins Festival klappte dann allerdings trotzdem nicht. Bei keinem einzigen der präsentierten Modemacher spielte die Musik nämlich mehr als eine Hintergrundrolle. Genauso gut hätte man zwischen den Präsentationen denn auch Filme oder Kunstwerke zeigen können.

Sie beeinflussen die Designer genauso: Die Absolventin der Modeklasse der Wiener Angewandten Ajla Karic etwa, die mit ihrer schönen Abschlusskollektion sowohl den RONDO-Modepreis als auch jenen des Bundeskanzleramtes erhielt, versteht ihre in Weiß- und Grauschattierungen gehaltenen Kreationen als Hommage an die filigrane Ausnahmeschauspielerin Tilda Swinton, der in Antwerpen lebende Designer Peter Pilotto (er bekam den Preis für internationale Presse) ist von Klimt und Tiroler Trachten beeinflusst - und nicht von Mode-und Musikgott Pete Doherty.

Bei Anna Aichinger (Modepreis der Stadt Wien) und ihrer einnehmenden Business-Kollektion liegen die Dinge wieder anders: Lauter Julia Timoschenkos staksten bei der Präsentation ihrer Seidenkostüme, flauschig-losen Wollmäntel, hautengen Hosen zu den gerafften Tops, über die Bühne. Dazu tönte ein Remix von AC/DCs "Big Balls" aus den Boxen. Ein starker Auftritt, und einer, an den man viele Hoffnungen heften kann.

Business mit Zukunft

Aichinger hat das Zeug, groß rauszukommen. Ihre Kleider sind zum Tragen da - und zum Sich-Vergucken: Die seitlich gerafften Röcke sind toll gemacht, die Blusenkrägen, die in Krawatten münden, verspielt, aber sinnvoll.

Große Hoffnungen hegen auch andere: Im Rahmen der Departure Fashion Night präsentierte man erstmals die von Gregor Pirouzi und Hermann Fankhauser (die eine Hälfte des Designduos Wendy & Jim) erarbeitete neue Licona-Gala-Kollektion. Sie ist der Grundstein des Relaunches des in die Jahre gekommenen Wiener Herrenausstatters. Und er könnte tragfähig sein: Die beiden Designer änderten zwar kaum etwas an den Schnitten der Anzüge, umso mehr konzentrierten sie sich auf Muster und Details. Ob die auch auf dem breiteren Markt angenommen werden, das wird sich aber erst noch zeigen.

Der Markt ist sowieso das Stiefkind für jeden österreichischen Modemacher. Die meisten von ihnen haben es geschafft, sich in Nischen zu positionieren. Florian Ladstätter etwa beliefert mit seinen aberwitzigen "Schmuckstücken" die ambitioniertesten Modedesignläden, genauso wie der Huthersteller Mühlbauer.

Auf dem breiten Modedesignmarkt spielen die Österreicher derzeit aber keine Rolle. Daran ändern leider auch die ambitioniertesten Festivals wenig. (Der Standard, Printausgabe 26.6.2006)

Von Stephan Hilpold
  • Mode aus Österreich spielt meist nur in Nischen eine Rolle: Licona (im Bild) möchte das jetzt ändern
    foto: klaus vyhnalek

    Mode aus Österreich spielt meist nur in Nischen eine Rolle: Licona (im Bild) möchte das jetzt ändern

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