Reden in Österreich

25. Juni 2006, 19:52
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Kritik- und Sprachlosigkeit sind keine Exklusivrechte und keine Erfindung nichts sagender Fußballer

Die WM-"Analysen" von Kickerheroen wie Polster, Wohlfahrt, Matthäus und Herzog sind wie Scat-Gesang, sprachloses Sprechen, wortlose Vokale, sinnentleerte Synkopen, reine Rhythmen. Der Verdacht, dass Hans Krankls Sentenzen über Fußball nicht Reden im kommunikativen Sinn ist, sondern Loreleys Schmeichelei nachempfunden ist, wurde in der Zeit seiner Teamchefdarstellung erhärtet. Jetzt haben die Ballbesinger ihre Idealtröte gefunden: "WM live".

Die vierte Ohnmacht im Staat und seine Spielwiese: Ein neues Österreich aus der Willkür eines Verlegers wird gebaut, die Weisheiten der Kickerköpfe dienen als Honig, um Leser auf die Leimrute der Zeitung zu locken. Aber warum soll ausgerechnet das Reden über Fußball in einem Land funktionieren, in dem der aus dem Bundesligamanagement leider bekannte BZÖ-Chef als Politiker bezeichnet wird? Kritik- und Sprachlosigkeit sind keine Exklusivrechte und keine Erfindung nichts sagender Fußballer.

Sie passen nur so gut zu den Formeln und Phrasen, mit denen Österreich und "Österreich"vermarktet werden. Werden dieselben Kicker demnächst analysieren, warum der Chef einer Partie, die als nie gewählte Partei in der Regierung sitzt, auch die Ausländerkicker um 30 Prozent reduzieren will? Auch im Fußball behaupten sie, dass weder schlechte Ausbildung noch korrupte Manager/Trainer/Funktionäre das Niveau drücken, sondern Fremde. Dabei müsste jeder Fan, der unsere Heroen zum Thema Fußball hört oder liest, mit der Kerze in den Stephansdom pilgern und um eine Ausländerinvasion beten. Und wenn er schon dabei ist, auch um ein neues Österreich. (DER STANDARD Printausgabe 26.06.2006)

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