Die Heimtücke der Gefoulten

25. Juni 2006, 19:46
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Wendelin Schmidt-Dengler über Macbeth und die vertauschten Rollen von Tätern und Opfern

"Foul is fair, and fair is foul!"Dieser Hexenvers aus dem Beginn des Macbeth vereint Shakespearekenner und Fußballfreunde, also rundum gebildete Menschen. "Schön ist wüst, und wüst ist schön", übersetzt - nicht ganz zutreffend - August Wilhelm Schlegel diese Devise der drei Hexen.

Bleiben wir bei der Gleichsetzung von "foul"und "fair"; das relativiert das, was auf dem Spielfeld passiert, und es fragt sich, ob das Foul in der Tat ein so negativ besetzter Begriff sein muss. Darauf brachte mich ein Reporter, naturgemäß ein österreichischer, der sich bei einem Länderspiel über einen gegnerischen Stürmer aufregte, weil dieser einen österreichischen Verteidiger durch sein souveränes Dribbling zu einem Foul geradezu provoziert hätte.

Offenkundig stand der Gedanke dahinter, dass die österreichischen Stürmer ihren Gegenspielern den Ball gleich überlassen, sodass diese gar nicht auf die Idee kommen können, ein Foul zu begehen. Der Schwede Hamrin soll bei der WM 1958 beim 3:1-Sieg über Deutschland laut Kroneden Verteidiger Juskowiak in Weißglut gebracht und in der Folge zur "Revanche"provoziert haben.

Das gute alte Foul ist nicht mehr das, was es einmal war; es ist zu einem heimtückischen Akt des Gefoulten geworden. "Foul gewollt, Freistoß bekommen!"- auf diese lapidare Formel brachte ein deutscher Reporter diesen Sachverhalt bei einem WM-Spiel, als ein Stürmer einen Freistoß erhielt, nachdem er an der Strafraumgrenze gelegt worden war. "Schewtschenko schenkt sich eine Schwalbe", ließ sich ein anderer vernehmen, der durch die Alliteration seine Anlage zum Poeten unter Beweis stellen wollte: Die Ukraine kam zum ungerechtfertigten Elfer gegen Tunis und schaffte den Aufstieg.

Sich richtig foulen zu lassen, wird zusehends zur Kunst des Stürmers: Es geschehe dir Unrecht, damit dir Recht wird, so etwa lässt sich diese neue Moral fassen. Am fortgeschrittensten in der Theorie und Praxis des Fouls ist Herbert Prohaska. Er kommentierte eine Szene, in der ein Stürmer im Strafraum über die Beine von zwei Verteidigern stolperte. "Hätte er sich unten eingefädelt", so Prohaska, "dann hätte der Referee einen Elfer geben müssen."Er kritisierte bei Deutschland gegen Schweden den Lucic-Ausschluss mit der Begründung: "Es muss auch normale Fouls geben."Es mag auf dem Fußballfeld die Rolle der Täter und Opfer vertauscht werden; das ist ein Spiel. Wenn aber auf dem Feld der Geschichte die Täter sich die Opferrolle anmaßen - und das erleben wir nur zu oft -, dann sollte es die rote Karte geben. (DER STANDARD Printausgabe 26.06.2006)

Zur Person

Wendelin Schmidt-Dengler, Professor der Literaturwissenschaft in Wien

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