Eisenbahnprojekt: Zug fährt ab - auf das Dach der Welt

28. Juni 2006, 08:58
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Die Eisenbahnstrecke von Peking nach Lhasa erstreckt sich über 4000 Kilometer und führt auf bis zu 5000 Meter hohe Berge

In einer Woche wird die neue chinesische Eisenbahnstrecke von Peking nach Lhasa eröffnet. Die Reise geht mehr als 4000 Kilometer weit über bis zu 5000 Meter hohe Berge. An Bord der Luxuswagons: Sauerstoffmasken und UV-Schutz.

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Chinas Eisenbahnminister Liu Zhijun traute seinen Augen nicht. Den Anblick tibetischer Yak-Rinder, Schafe und ihrer Hirten vor seinem Zugfenster fand er alles andere als malerisch. Vor allem deshalb, weil sich die Tiere direkt neben und auf den Schienen der neuen Tibetbahn herumtrieben. Sie erschienen ihm als eine Gefahr für Chinas neuen gigantischen Prestigezug, der direkt nach Tibet fährt.

Wenige Tage bevor am 1. Juli der Zug der am höchsten gelegenen Einsenbahnlinie der Welt von Peking aus auf offizielle Premierenreise zum mehr als 4000 Kilometer entfernten Lhasa losfährt, testete der Minister die Superbahn. Drei Tage lang sondierte er vor allem die 1142 Kilometer lange Neubaustrecke von Golmud über das tibetische Hochland nach Lhasa. Mehr als 100.000 Arbeiter bauten die umgerechnet 3,3 Milliarden Euro teure Trasse in fünfeinhalb Jahren. Sie führt über bis zu 5068 Meter hohe Pässe.

Die Hälfte der Strecke verläuft auf ganzjährig gefrorenen Böden, deren meterdickes Eis sich im Winter ausdehnt und im Sommer zusammenzieht, eine besondere Schwierigkeit für den Gleisbau. Als der Minister im neuen Bahnhof von Lhasa eintraf, rief er als Erstes zur Krisensitzung. Bauern und Hirten entlang der Strecke müßten ihr Vieh von den Gleisen fernhalten. Polizisten sollen Wache schieben, damit Ersatzschienen und Baumaterial nicht gestohlen werden.

Dünne Luft

Techniker müssen die Ebenheit der Gleise nachprüfen. Denn den Minister hatte es an einigen Stellen der Fahrt im Zug heftig durchgeschüttelt. Die Luxuswagons des kanadischen Herstellers Bombardier sind mit einem zentralen Sauerstoff-Belüftungssystem und als doppelte Sicherung auch mit Sauerstoffmasken unter jedem Sitz und Schutz vor UV-Strahlung ausgestattet.

Die im wahren Sinn des Wortes atemberaubende Strecke hat es in sich. Sie führt 965 Kilometer über mehr als 4000 Meter Höhe, wo die Luft 38 bis 46 Prozent weniger Sauerstoff als im Flachland enthält. Der auch in extremen Höhen noch bis zu 100 Kilometer schnelle Zug überquert eine schwindelerregende 11,7 Kilometer lange Brücke auf 4600 Meter Höhe und fährt durch den auf 5010 Meter gelegenen und 1338 Meter langen höchsten Tunnel der Welt. Er hält an sechs Aussichtsplattformen in 4000 Meter Höhe.

Die Vorbereitungen für die Jubelfeiern und Fernseh-Liveübertragungen zum Stichtag 1. Juli laufen auf Hochtouren. Schließlich begeht Chinas Partei dann auch den 85. Geburtstag ihrer Gründung. Mit der Tibetbahn will sie ihren technologischen Triumpf über ein halbes Jahrhundert missglückter Versuche feiern. Seit 1956 hatte ihr damaliger Führer Mao Tse-tung den Bau der Bahn verlangt.

Mehrere Personenzüge sollen ab 2007 täglich von fünf chinesischen Startbahnhöfen, darunter Peking, Schanghai und Kanton, nach Lhasa abfahren. Über die Preise der Tickets wird noch beraten. Verkehrsplaner rechnen mit mindestens 400.000 Reisenden, die pro Jahr zu den 2,6 Millionen Menschen auf das Dach der Welt fahren werden. Die Bahn wird achtmal mehr Tonnage nach Tibet befördern können als Lastwagenkolonnen bisher über Straßen brachten.

Geologen warnen vor einigen Streckenabschnitten, die im Erdbebengürtel liegen. Ökologen und Landschaftsschützer befürchten Veränderungen im Wildtierbestand und der Vegetation des Hochplateaus. Chinas Bahnplaner haben zur Entkräftung ihrer Bedenken auf der Strecke 33 Tierpassagen, etwa für tibetische Antilopen, geschaffen.

Der Tag der Partei am 1. Juli verstärkt auch die Ängste bei vielen Exiltibetern, die in der ersten Eisenbahn in der Geschichte Tibets auch ein politisches Verkehrsmittel Pekings sehen, Tibet noch besser unter Kontrolle zu bringen. (DER STANDARD - Printausgabe, 26. Juni 2006)

Johnny Erling aus Peking
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    Der neu errichtete Bahnhof von Lhasa. 400.000 Menschen sollen hier künftig jedes Jahr ankommen. Exiltibeter sehen in dem Projekt eine Machtdemonstration Chinas.

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