29. Juni 2006, 19:17
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Serge July, ein Anhänger politischer und journalistischer Transparenz, war in seinem gläsernen Büro mitten in der Redaktion stets bei der Arbeit zu sehen; sein Monatssalär, zuletzt 10.320 Euro, heftete er selbst an die Mitteilungstafel. Vor ein paar Tagen gab er in der Zeitung zudem selbst bekannt, er sei zum Rücktritt gezwungen worden und werde seine Funktion abgeben, um der Zeitung aus der Patsche zu helfen. Damit beugt sich der seit 33 Jahren amtierende Chef der Libération dem neuen Hauptaktionär Edouard de Rothschild. Er hält 38,8 Prozent.

Bobos statt Proletariat

July hatte den bisherigen Pferdewett-Investor selbst Anfang 2005 ins Zeitungskapital geholt. Der erst 46-jährige Rothschild steckte zwanzig Millionen Euro in die Redaktion, doch diese vermochte den Rückgang der Auflage auf 137.000 von 151.000 im Jahr 2003 nicht zu bremsen. 2005 fuhr die Zeitung sieben Millionen Euro Verluste ein, und als die neuen April-Zahlen - fast eine Million im Minus - bekannt wurden, verlangte Rothschild Julys Abgang.

Der Halbbruder des international viel bekannteren Financiers David de Rothschild versucht sich damit auch im Kampf der Egos durchzusetzen. Denn wie die zahlreich publizierten Leserbriefe zeigen, bleibt Serge July für viele Franzosen "Monsieur Libération" - und die Zeitung undenkbar ohne ihn.

Der heute 63-jährige Herausgeber gilt zwar als schlechter Verwalter; mit seinen zahlreichen Relaunchs und Beilagen erntete er meist nur rote Zahlen. Aber im französischen Fernsehen bleibt er ein bekanntes Gesicht, und bei der Entführung seiner Redakteurin Florence Aubenas im Irak kämpfte er 2005 an vorderster Front.

Wie Libé verkörpert July zudem den Wandel der französischen Linken: Einst ein flammender Maoist, der im Mai 1968 neben Daniel Cohn-Bendit die Revolution propagierte (und sie in Frankreich präzis für das Jahr 1972 prophezeite), bekennt sich "Citizen July" heute zur Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz.

Sein Blatt mit dem roten Rhombus-Logo wird heute eher von Pariser "Bobos" (Bourgeois-Bohèmes) gelesen als vom Proletariat, für das July und sein Mitgründer Jean-Paul Sartre die "Agence de Presse Libération" 1973 eigentlich gegründet hatten. Libé wahrt allerdings bis heute frechen Stil, witzige Titel und starke Fotos. Damit ist das Blatt in Paris eine so wichtige Stimme wie der konservative Figaro oder die unabhängige Le Monde, die auf 340.000 Auflage kommen.

"Dreckarbeit"

Julys Ankündigung schlug in Paris deshalb wie eine Bombe ein. Nach vielen Leserreaktionen zu seinen Gunsten hat der Verwaltungsrat die Demission bis heute nicht bestätigt. Als Nachfolger im Gespräch: Edwy Plenel, ein ehemaliger Chefredaktor von Le Monde mit trotzkistischer Vergangenheit, sowie Enthüllungsjournalist Pierre Péan, der mit Büchern über Mitterrands Vichy-Vergangenheit und über Le Monde Furore machte.

Offenbar schlug Rothschild dem Redaktoren-Kollektiv SCPL (18,6 Prozent des Zeitungskapitals) vor, ihren Vertreter Vittorio de Filippis als Interims-Herausgeber einzusetzen. Doch die Journalisten wollen nicht die "Dreckarbeit" machen und nach den fünfzig Stellenstreichungen in der Redaktion weitere Kürzungen und eventuell ihre eigene Entlassung anordnen. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD; Printausgabe, 26.6.2006)

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    Abgang nach 33 Jahren: "Libération"-Herausgeber Serge July (63).

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