Bier im Becher, Bein im Finale

25. Juni 2006, 20:44
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Deutschland vergisst seine Sorgen und berauscht sich an den Siegen der Nationalelf

"Schland, Schschlahnd!"Georg ist schon ein wenig erschöpft. Den Schlachtruf "Deutschland!"bringt der 19-Jährige nur mehr krächzend heraus. Erbarmungslos brennt die Sonne auf die Fanmeile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, und beim Biertrinken hält es der junge Mann mit der schwarz-rot-goldenen Flagge wie Bundestrainer Jürgen Klinsmann beim Jubeln, als Lukas Podolski das erste Tor erzielt: Schneller, höher, weiter.

Es ist ohnehin alles nur noch "Wahnsinn", "megageil"und "irre". Weil es, wie Georg und seine Freunde befinden, eben kein Glück war. "Wir sind die Besseren, wir können ja doch spielen. Und mit einem Bein sind wir jetzt schon im Finale. Verstehst Du?"Ja, gerade noch, denn schon wird ein neues Lied für die Schweden angestimmt: "Ihr fahrt jetzt heim nach Bullerbü!"

Star des Tages ist natürlich der zweifache Torschütze Podolski: "Schwarz-Rot-Poldi"und "Deutschland tanzt die Poldinäse"jubelt Bildam Sonntag. Aber auch die zurückhaltende Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitungbefindet erleichtert: "Die WM-Party geht weiter".

Einfach mal Party

Das erfreut auch einen älteren Herrn, der in der Menge auffällt, weil er gänzlich ohne schwarz-rot-goldene Accessoires auskommt. "Seit Jahren jammern wir wegen Hartz IV und der hohen Arbeitslosigkeit. Jetzt sind wir Deutsche hier bei der Weltmeisterschaft einfach mal in Feierstimmung, das ist doch wunderbar", meint er.

Brot und Spiele gibt es in abgewandelter Form in einer Salzburger Almhütte, die mitten auf der Fanmeile steht und als "Partykracher"gilt. Bei gefühlten 50 Grad Celsius und 300 Prozent Luftfeuchtigkeit tanzt sehr junges Volk, während die Bedienung im Dirndl überlegt, wo der Germknödel serviert werden soll.

Davor sitzt einer mit nacktem Oberkörper und beschriftet sein Deutschland-Trikot. "Ich bin Poldi"steht da nun in krakeliger Schrift. Überhaupt: Allem, was auf "i"endet, bringt die tobende Masse plötzlich eine La-Ola-Welle von Sympathie entgegen. Der lange Zeit umstrittene Wahlkalifornier "Klinsi"ist jetzt der weltbeste Trainer überhaupt, und als Angela Merkel auf den Groß- und Grußleinwänden auftaucht, schallt ihr ein freundliches "Angie!"entgegen. Die Kanzlerin jubelt mittlerweile so routiniert, wie sie Anfragen der Opposition im Bundestag beantwortet, glaubt selbstverständlich an die "Jungs"und erklärt überzeugend: "Die Mannschaft kann noch eine ganze Menge erreichen."

Einfach mal Umsatz

Das meint auch der Verkäufer von Fanartikeln: Während blau-gelbe Schweden-Perücken bereits von zehn auf fünf Euro herabgesetzt sind, steht der Deutschland-Schal weiterhin hoch im Kurs.(Birgit Baumann, DER STANDARD Printausgabe 26. Juni 2006)

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