Interview: "Die größten Gewinne mit Menschenhandel"

21. Juli 2006, 15:56
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Die OSZE-Sonderbeauftragte Helga Konrad beobachtet eine starke Zunahme des Menschenhandels

Eine starke Zunahme des Menschenhandels, der kriminellen Netzwerken bereits mehr einbringt als Drogen, beobachtet Helga Konrad, OSZE-Sonderbeauftragte gegen den Menschenhandel.

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STANDARD: Warum nimmt Menschenhandel so zu?

Konrad: Damit sind die größten Gewinne zu erzielen. Menschen kann man immer wieder verkaufen, Drogen nur einmal. Außerdem kann man diese Menschen auch als Drogenkuriere missbrauchen, es werden ihnen gefälschte Dokumente verkauft, es kommt zu Zwangsprostitution und ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen. Die OSZE nimmt an, dass mit Menschenhandel bis zu 35 Mrd. Dollar, 28 Mrd. Euro, im Jahr umgesetzt werden.

STANDARD: Die Maßnahmen der Zielländer greifen nicht?

Konrad: Die Länder rücken zu sehr ihre nationale Sicherheit in den Vordergrund. Das funktioniert aber nicht; Menschenhändler kümmern sich nicht um Grenzen. Die haben sehr komplexe Netzwerke.

STANDARD: Versucht man nicht, über die eingeschleusten Personen an Menschenhändler heranzukommen?

Konrad: In den Zielländern werden diese Menschen nicht wie Opfer behandelt, weil viele freiwillig versuchen, in ein Land zu kommen und weil Menschenhandel oft mit Prostitution gleichgesetzt wird. Ohne klare Zusicherung, dass sie nicht abgeschoben werden, werden diese Menschen aber nicht gegen ihre Händler aussagen.

STANDARD: Was fordern Sie?

Konrad: In der OSZE sind 55 Staaten, die sich verpflichtet haben, dagegen rigoros vorzugehen. Alle diese Länder brauchen aber einen abgestimmten Koordinationsplan, der alle Bereiche mit einbezieht. (DER STANDARD - Printausgabe, 26. Juni 2006)

Zur Person

Die Grazerin Helga Konrad war in den Neunzigerjahren SP-Frauenministerin. Seit 2004 ist sie Sonderbeauftragte für Menschenhandel bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Wien.

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