Eröffnungspremiere in Verona: Lebendige Antike

25. Juni 2006, 18:31
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Das Erlebnis Arena funktioniert - auch ohne szenischen Aufwand und ohne Illusionsmaschinerie: "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci"

Auf der Bühne der Arena lediglich ein Olivenbaum, einige Säulentorsi und, am Boden liegend, eine umgekippte riesig lange Prozessionsfigur. Versteht man Oper als Erneuerung des antiken Dramas, dann bringen dabei die beiden veristischen Kurzopern Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallos Pagliacci bei der Eröffnungspremiere in Verona einen überraschenden, überzeugenden Beweis. Noch nie in den letzten Jahren ist nämlich der Spielort der antiken Arena so bewusst einbezogen worden wie in dieser Inszenierung von Gilbert Deflo.

Sicher, in die süditalienische Landschaft, in der Mascagnis "Bauernträgödie" spielt, sind bis heute die antiken Überreste verwachsen, aber nicht nur die pathetischen Effekte, die die Bäuerin Santuzza zu einer griechischen Tragödin machen, auch die großen Chöre mit ihren katholischen Osterprozessionen - quer durch den Zuschauerraum - lassen an antike heidnische Dionysos-Kulte denken. Selbst der lebenslustige Fuhrmann Alfio wird auf einem antiken Theaterwagen hereingetragen. Ein Orgien-Mysterien-Theater à la Hermann Nitsch wurden Mascagnis "blutige Ostern" allerdings nicht, der Chor ist meist konventionell in folkloristischen Kostümen (Ausstattung: William Orlandi) aufgestellt.

Auch im Bajazzo wird antikes Theater mit dem rituellen Einzug der Komödianten zelebriert. Ein Ensemble von Liliputanern ist mitengagiert - ein an Fellini-Filme erinnernder Effekt. Dennoch ist die reißerische Geschichte einer Wandertruppe vor allem die Beschwörung der Dämonie von Schauspielkunst.

Die melodramatischen Effekte der Musik, für die das nuanciert spielende Arena-Orchester unter Lü Jia verdientermaßen zweimal Extraapplaus bekam, sind allerdings moderner Psychologie geschuldet: Ehekrach unter Partnern, die sich nichts mehr zu sagen haben. José Cura bedient das überzeugend, stimmlich gut disponiert und in bester Spiellaune.

Neben Canio, dem Bajazzo, war er kurzfristig noch für Vincenzo La Scola als Turriddu eingesprungen. Dabei mutete ihm die Regie ein anstrengendes Laufpensum quer durch die Arena zu. Schon zu Beginn erklimmt er als Turriddu alle Stufen, um von hoch oben, wie von den Bergen, sein schmachtendes Lied an Lola zu trällern. Im Finale torkelt er als Clown, nach seinem Mord besinnungslos mehrere Zuschauer anrempelnd, dem Ausgang zu. In Giovanna Casolla als Santuzza hatte er eine stimmlich fast überlegene Partnerin und in Carlos Almaguer als Tonio einen feurigen Gegenspieler. Svetla Vassileva bezirzte als Nedda, Alberto Mastromarino verkündete als treuherziger Tonio, dass die Komödie zu Ende sei. Das Erlebnis Verona funktionierte wieder einmal. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26 6. 2006)

Von Bernhard Doppler aus Verona
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