Überdimensionale Chor-Symphonie

25. Juni 2006, 18:26
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Harnoncourt eröffnete die "styriarte" in Graz

Graz - Leicht machte es sich Robert Schumann mit dem Faust-Stoff nicht gerade, interessierte er sich doch in erster Linie für den zweiten Teil der Goethe'schen Dichtung. Und um dessen schwer ergründliche Transzendenz machten die meisten seiner Musikerkollegen einen großen Bogen.

Beinahe ein Jahrzehnt rang Schumann selbstzweiflerisch mit dieser Partitur, und was als Oper hätte herauskommen sollen, geriet schließlich zu einem eigenwilligen Konglomerat zwischen literarischer Kantate, weltlichem Oratorium und überdimensionaler Chor-Symphonie mit Erlösungsapotheose.

Vielleicht spielt Nikolaus Harnoncourt ja auf diese rätselhafte Schlussszene an, in der Fausts erlöste Seele in das Reich der Seligen geführt wird, wenn er die Faust-Szenen als Opus summum von Schumann rühmt. Aber eine Herzensangelegenheit ist ihm der visionäre Romantiker ja stets gewesen, und wenn er sich zum Auftakt der styriarte diese Partitur aufs Pult gelegt hat, ist dies in zweierlei Hinsicht nur folgerichtig. Zum einen betrat der Dirigent die Grazer Podien immer wieder als glühender Anwalt des unbekannten und vor allem missverstandenen Dramatikers Schumann (Genoveva, Das Paradies und die Peri), und zum anderen ist heuer ja auch Schumann-Gedenkjahr. Hand aufs Herz: Haben Sie es wahrgenommen?

Seinen ihm gebührenden Platz in den Konzertsälen hat dieses Erlösungsdrama noch lange nicht erobert. Dabei gäbe es ein Werk voller exaltierter Dramatik, bisweilen grotesker Komik (Lemurenchor), schwelgerischer Melodik und farbenfroher Klangsinnlichkeit zu entdecken, die Harnoncourt den souverän aufspielenden Musikern des Chamber Orchestra of Europe mit weit ausholenden Gesten zu entlocken wusste.

Exzellent das Sängerensemble: allen voran der lyrische Bariton Christian Gerhaher, der den Faust zwischen irdischer Vulnerabilität und Hoffen auf Erlösung bis in die kleinste Silbe mit stupender Artikulationskultur und Stimmqualität gestaltet. Ihm zur Seite die jugendlich-strahlende Sopranstimme von Annette Dasch als Gretchen und der imposante Bass Alastair Miles als viril-dämonischer Mephisto. Bestens besetzt auch die übrigen Solopartien: Bernard Richter, Mojca Erdmann, Elisabeth von Magnus, Birgit Remmert und Georg Zeppenfeld.

Hinsichtlich Textverständlichkeit und Intonation blendend disponiert zeigten sich der Arnold Schoenberg Chor und die Grazer Keplerspatzen. Endlich glückliches Ende: Das Publikum feierte diese faustische Begebenheit begeistert! (Peter Stalder/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26 6. 2006)

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