Hochspannung nach Palästinenserüberfall

26. Juni 2006, 15:19
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Angriff via Tunnel auf Armeestellung Israels

Der aus israelischer Sicht "schlimmste Zwischenfall seit dem Abzug aus dem Gazastreifen" im vergangenen Sommer drohte am Sonntag eine heftige militärische Reaktion nach sich zu ziehen. Bei einem von verschiedenen palästinensischen Gruppen gemeinsam organisierten Überfall auf eine israelische Armeestellung wurden zwei Soldaten und zwei der Angreifer getötet.

Die Situation blieb aber auch nach dem Ende der Kämpfe noch brisant, weil offenbar ein israelischer Soldat, entweder tot oder doch noch lebendig, der Hamas in die Hände gefallen war. Das Militär empfahl harte Gegenschläge, und auch die Politiker versuchten nicht, ihren Zorn zu verbergen.

Gegen fünf Uhr früh war es einem Palästinenserkommando gelungen, beim Warenübergang Kerem Schalom durch einen hunderte Meter langen unterirdischen Tunnel auf die israelische Seite zu gelangen - die acht Angreifer, die der regierenden radikal-islamischen Hamas, den "Volkswiderstandskomitees" und einer bisher unbekannten Gruppe namens "Islam-Armee" angehörten, gingen separat gegen eine befestigte Stellung und zwei gepanzerte Fahrzeuge vor. Sechs Palästinenser konnten durch den Tunnel wieder Richtung Gazastreifen entkommen. Eine kleine israelische Einheit stieß dann auf der Suche nach den Angreifern und dem vermissten Soldaten Richtung Rafah vor.

Drohendes Ultimatum

Die palästinensischen Gruppen bezeichneten den Angriff als Vergeltung für den Tod von Jamal Abu Samhadana, der von den Israelis als Erzterrorist gesucht und vor zwei Wochen "gezielt ausgeschaltet" wurde. Israels Premier Ehud Olmert machte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas für den Zwischenfall mitverantwortlich. Dieser wiederum distanzierte sich davon und warnte die radikalen Gruppen vor einem israelischen Ultimatum.

Der Zwischenfall dürfte nun auch den internen "nationalen Dialog" der Palästinenser zusätzlich belasten - schon zuvor hatte ein Treffen zwischen Abbas und dem von der Hamas gestellten Premier Ismail Haniyeh beim Ringen um ein gemeinsames Programm kaum Fortschritte gebracht. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2006)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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