Kahn noch immer sauer

25. Juni 2006, 18:07
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Ersatztorhüter kann Entscheidung pro Lehmann "nie nachvollziehen und verstehen" - Eröffnungsspiel als "echte Prüfung"

Hamburg - Deutschlands Ersatztormann Oliver Kahn hadert offenbar immer noch mit seiner Rolle als Nummer zwei im deutschen Tor. Dem "Spiegel" sagte Kahn, er habe Bundestrainer Jürgen Klinsmann gesagt, "dass ich nie nachvollziehen und verstehen werde, warum ich nicht mehr die Nummer eins bin". Es habe auch nie eine Erklärung gegeben, warum der Wechsel zu Jens Lehmann vollzogen worden sei.

"Man sprach von einem 'Tick', den er besser sein solle. Entschuldigung, aber wechselt man die langjährige Nummer eins aus, wenn diese konstant spielt, wenn ein anderer einen 'Tick' besser sein soll?" fragte der Bayern-Keeper.

Der 37-Jährige betonte, er habe zwei Jahre auf höchstem Niveau gespielt, seine Champions-League-Matches gut absolviert, sei in dieser Zeit zweimal Deutscher Meister und Cupsieger geworden und habe eine "riesige Turniererfahrung. Es gab eigentlich keinen Grund, die Nummer eins abzusetzen". Auf die Frage, ob er von Klinsmann denn eine Erklärung hören wolle, sagte Kahn: "Normalerweise hätte ich schon eine fundierte Erklärung erwartet. Aber da sie bis heute ausgeblieben ist, gibt es wahrscheinlich keine."

Dass er trotz der Absetzung noch im WM-Kader ist, begründete Kahn mit seiner Persönlichkeit. "So wie ich gestrickt bin als Sportler und als Mensch, war das selbstverständlich. Ich kann nicht mein ganzes Leben lang die Erfolge mitnehmen und mich bei Misserfolgen verdrücken."

Gleichwohl habe es dann schwere Momente für ihn gegeben. Das Eröffnungsspiel, auf das er zwei Jahre hingearbeitet habe, von der Bank aus zu erleben, sei nicht einfach gewesen. "Das war eine echte Prüfung." Die Feierlaune im Stadion habe sich nicht auf ihn übertragen, sagte Kahn indirekt: "Man war zwar Sportler, als man sich da auf die Bank setzte, aber eine freudige Stimmung kam da nicht auf."

Überrascht war Kahn von den positiven Reaktionen, als er beschloss auch als Nummer zwei am Turnier teilzunehmen. "Ich dachte: Hoppla, da hast du dein ganzes Leben lang versucht, Erfolg zu haben, in Form von Titeln. Und jetzt passiert so etwas, und auf einmal entsteht ein Respekt, den man mit Titeln anscheinend nicht bekommen kann." Das sei eine unheimlich interessante Erfahrung gewesen, die sich ihm erst nach und nach erschlossen habe. Deshalb habe er sich gesagt: "Auch wenn mir jetzt alles total stinkt, jetzt kann ich nicht mehr einfach sagen: Sorry, ich mag nicht mehr."

Aber auch wenn für ihn der Platz auf der Bank nun nicht angenehm sei, wolle er nun nicht derjenige sein, "der sich griesgrämig in sein Zimmer verkriecht". Vielmehr sollten die Mitspieler von seiner Rolle profitieren. Vor dem Polen-Spiel hielt Kahn eine Ansprache, weil Klinsmann ihn darum gebeten habe. Das habe natürlich den Sinn, "jedem das Gefühl zu geben, er gehöre hundertprozentig dazu". Ob das lediglich eine Strategie sei, sei ihm egal. "Man sieht die Zuschauer, wie sie sich freuen, wie toll diese ganze Weltmeisterschaft ist. Was soll ich da den Sauermann mimen, oder den, der immer auf Konfrontation geht?" (APA/AP)

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