Jetzt ist alles drin

25. Juni 2006, 17:22
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Deutschland findet über Euphorie zu Klasse und richtet den Blick immer weiter nach vorn. Das Endspiel soll es werden

München - Die Kritik der vergangenen Jahre und Monate ist verstummt, aus Respekt sowie Anerkennung nach den ersten beiden Partien und Begeisterung nach dem Gruppensieg ist am Samstag endgültig eine bisher nicht für möglich gehaltene Euphorie um Teamchef Jürgen Klinsmann und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft entstanden. Der ehemalige Weltklasse-Torjäger, der die DFB-Elf nach der EM 2004 von seinem früheren Sturmpartner Rudi Völler übernommen hatte, schwebt mit seinen Spielern nach dem 2:0-Achtelfinalerfolg über Schweden auf Wolke sieben.

Deutschland erlebt in diesen Tagen einen noch nie da gewesenen WM-Rausch und Klinsmann zeichnet mit seiner offensiven wie attraktiven Spielweise hauptverantwortlich dafür. Um das gegen die Skandinavier überragende Trio Michael Ballack, Miroslav Klose und Lukas Podolski hat der Schwabe eine schlagkräftige Truppe mit Profil und Charakter geformt.

Spieler wie Philipp Lahm, Bernd Schneider oder Torsten Frings befinden sich punktgenau zur WM in absoluter Hochform und sogar ein Arne Friedrich, der vor Turnierstart und auch noch nach dem Eröffnungsspiel wie seine Abwehrkollegen regelrecht verspottet worden war, bot in der am Samstag über weite Strecken souveränen deutschen Viererkette seine bisher wohl beste Leistung im DFB-Trikot. Die viel gescholtene DFB-Verteidigung vor Keeper Jens Lehmann ließ immerhin schon zum dritten Mal in Folge kein Gegentor zu.

"Die Fans tragen uns, sie tragen uns auf einer Wolke", meinte Klinsmann nach dem überzeugenden Viertelfinaleinzug vor 66.000 begeisterten Zuschauern in München. Selten noch hatte man den Teamchef so erleichtert und glücklich erlebt. "Die Welt kann nun sehen, dass wir Deutschen Spaß haben und wissen, wie man feiert. Es ist einfach unglaublich schön." Shooting-Star Lahm stieß ins gleiche Horn: "Es ist einfach unbeschreiblich, vor so einer Kulisse aufs Spielfeld zu laufen. Im ganzen Land herrscht eine unglaubliche Begeisterung, die uns beflügelt."

Nach dem fast erwarteten Sieg in der nicht gerade hochkarätigen Gruppe A mit Costa Rica (4:2), Polen (1:0) und Ecuador (3:0) legten die "Klinsmänner" gegen Schweden ihre erste Reifeprüfung im Turnier ab und treffen nun im Viertelfinalschlager auf Argentinien. Die personifizierte Zukunftshoffnung der deutschen Fußball-Fans, Lukas Podolski, war mit seinem frühen Doppelpack (4.,12.) zwar der Matchwinner, zum FIFA-Mann des Spiels wurde aber völlig zu Recht sein in Top-Form befindlicher Sturmpartner Miro Klose gewählt. Das 2:0 war der höchste deutsche Sieg in einem WM-K.o.-Spiel seit 20 Jahren.

Jetzt erst recht alles drin

"Es macht wahnsinnig Spaß mit dieser Mannschaft. Es ist fantastisch, was sie veranstaltet, wie einer für den anderen da ist. Wir sind absolut in der Lage, ins Halbfinale einzuziehen und auch ins Finale", frohlockte Klinsmann nach dem fünften Länderspiel-Sieg der Deutschen en suite. Und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die einmal mehr völlig aus dem Häuschen war, pflichtete bei: "Die Mannschaft kann noch eine ganze Menge erreichen und ich glaube auch daran."

Kapitän Michael Ballack, wie immer Herz und Hirn des DFB-Teams, aber im Abschluss bisher noch nicht ganz glücklich, legte jegliche Zurückhaltung ab: "Die Mannschaft hat in der ersten Hälfte sensationell gespielt. In unserer Verfassung haben wir niemanden zu fürchten." Lukas Podolski blieb wie immer cool: "Ich bin glücklich über meine Tore, aber das ist auch meine Aufgabe als Stürmer. Miro und ich verstehen uns auf und neben dem Platz." Der angesprochene Klose führt in der Torschützenliste nach wie vor mit vier Treffen vor Podolski und dem Spanier Fernando Torres (je drei).

Für die enttäuschten und am Samstag auch enttäuschenden Schweden hieß es Abschied nehmen. "Es ist sehr schwierig, gegen ein charakterstarkes Team wie Deutschland mit zehn Mann zu gewinnen", machte Coach Lars Lagerbäck die Gelb-Rote Karte für Lucic (35.) mitverantwortlich für das Ausscheiden. Stürmer Henrik Larsson, der es mit einem vergebenen Elfmeter (53.) verabsäumte, die Partie noch einmal spannend zu machen, war dementsprechend niedergeschlagen: "Es tut sehr weh. Ich habe den Ball nicht richtig getroffen. Aber wir gewinnen als Team und verlieren als Team." (APA)

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