My first Gurke - Ein Rückblick auf das erste Handy

3. Juli 2006, 10:42
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Mein erstes Handy war grau und aus Plastik, und was die Größe betrifft - es war, na sagen wir einmal, ein Wecken Schwarzbrot

Schuld ist Captain Kirk. Der untersetzte Kapitän der Enterprise hat mich angefixt. Captain James Kirk liebte Ausflüge. Wie ich. Wenn den Captain die Ausflugslust juckte, stellte er sich in die Teilchendusche und ließ sich auf den Planeten, den Mond oder das vergammelte Klingonenschiff beamen. Und nie hatte er mehr bei sich als einen Phaser-Föhn und sein Handy.

Mist, das Ding hatte keinen Namen

Einen Föhn hatte ich schon. Das andere Ding wollte ich auch haben. Es war so groß wie ein Trzesniewski-Brötchen, hatte eine Klappe wie das Notizbuch von Inspektor Columbo und mehr Tasten als die Gegensprechanlage im Ringturm. So ein Ding wollte ich haben. Ein . . . ein . . .? Mist, das Ding hatte keinen Namen.

Telefon aus der Zukunft

Hannes Androsch war da schon weiter. Hannes Androsch war in den 70er-Jahren so etwas wie der Mister Spock eines gewissen Captain Kreisky, er hatte eine Dienstlimousine und ein mobiles Telefon. Ein Telefon, das nicht an Kabeln aus der Wand hing, das nicht von der spärlichen Erreichbarkeit einer Vierteltelefonnummer desavouiert wurde, ein Telefon aus der Zukunft, ein Autotelefon. Es hatte die Größe eines Kindersargs und war nur mit dickem Mercedes drum herum erhältlich.

Die Jahre liefen ins Land, Captain Kirk wurde feister, Hannes Androsch telefonierte weiter über den Kindersarg und bekam Probleme mit den Klingonen aus dem profil, aus Kreisky wurde Sinowatz, aus Sinowatz ein Bankdirektor, aber das kleine, klappbare Brötchen gab es noch immer nicht zu kaufen.

Gläserne Häuschen, in denen man telefonierte

Auf den Straßen gab es gläserne Häuschen, in denen man telefonierte. Man warf eine Münze ein, die sich Telefonschilling nannte, und wenn eine Verbindung zustande kam, drückte man einen kleinen, schmierigen Knopf. Das war mobiles Telefonieren. Gläserne Häuschen, Telefonschilling, schwarzer Knopf: Hallo, ich brauche ein Taxi in die . . . Türe auf . . . Ecke dings . . . äh, Moment . . . äh . . . Klick, tuut, tuut. Telefonschilling aus. Kein Taxi in die Pampa. Mobiles Telefonieren.

Funknetz für mobiles Telefonieren

Und dann irgendwann ging alles ganz schnell. Im staatlichen Rundfunk sprachen sie über das Einrichten eines Funknetzes für mobiles Telefonieren. Geräte, die sich in dieses Netz einwählen würden, gäbe es bald zu kaufen. Zu kaufen! Und von diesem Funknetz, wie sie sagten, würde man auch ins normale Netz telefonieren können. Ins normale Netz!

Wecken Schwarzbrot

Mein erstes Handy war grau und aus Plastik, und was die Größe betrifft - Captain Kirks Trzesniewski-Brötchen war es nicht gerade, es war, na sagen wir einmal, ein Wecken Schwarzbrot. Der Wecken hatte eine ausziehbare Antenne und einen kleinen Bildschirm. Das gefiel mir schon besser. Einen kleinen Bildschirm hatten die Kommunikatoren auf der Enterprise auch. Der Bildschirm hieß Display und hatte die Farbe giftgrünen Froschlurchs. In der Bedienungsanleitung fanden sich Begriffe aus der Zukunft: Speicherplatz, Menüpunkt, Kurzwahlnummer, Ladezustand, SIM-Karten-Steckplatz. SIM-Karten-Steckplatz! Ein wunderschönes Wort. Captain Dusl, Ma'm, wir haben Probleme mit dem SIM-Karten-Steckplatz. Schalten Sie um auf Teilchen-Kommunikation, Scottie, und beamen Sie mich rauf.

"Funktelefon"

Mein Handy. Mein Handy? Wie hieß das Ding überhaupt? Manche nannten diesen dunklen Wecken "Funktelefon". Andere wollten wissen, es hieße Mobiltelefon. Und die Schöpfer von Worten wie "Event" und "Marketing" brachten "Handy" in Umlauf. Ein Sprachirrtum, wie man spätestens nach einer Amerikareise wusste.

Mein erstes Handy

Mein erstes Handy. Franz Vranitzky saß am Ballhausplatz, Wolfgang Schüssel trug große Brillen und bunte Mascherln, und ich steppte die erste Nummer in mein erstes Handy. In großen, dunkelgrünen Computerziffern fädelte ich die Telefonnummer meiner Eltern auf den grüngelb beleuchteten Telefonbildschirm. Aufgeregt zitternd bohrte sich mein Zeigefinger in die grüne Gummitaste mit dem Symbol eines schwebenden Hörers. Mit elektronischem Zirpen wählte sich der Wecken ins "Netz", den unsichtbaren Handy-Äther, der wie eine löchrige, dünne Wolke auf der Stadt lag.

Mein erstes mobiles Telefonat. "Hallo?" "Krächzkrächz!" "Ja, hallo?" "Krächzkrächzkrächz." "Es bin ich. Ich bin es." "Krächzkrächz." "Zirzpirp."

"mobiles" und "cellphones"

Bald hatten andere auch solch ein Handy. Schweizer nannten es Natel, und die Leute, die sich einen Ast lachten, wenn sie das Wort "Handy" für Telefon hörten, nannten die Gurken "mobiles" und "cellphones".

Handywechsel

Es wurde Zeit für das nächste neue Phänomen. Den Handywechsel. Davon wusste man zwar nichts auf der Enterprise, aber die wussten auch nichts von Marketingoffensiven und von Peer Group Pressure. Möglich, dass hinter meinem Handywechselwunsch auch die Klingonen steckten, jedenfalls brauchte ich jetzt dringend ein neues Handy. Dringend.

Mein zweites Handy sah aus wie ein Kurzwellen-Weltempfänger, den man mit einem Taschenrechner gekreuzt hatte. Die Klingonen hatte die Sängerin Madonna in einen Werbespot gebeamt und sie mit diesem ultraschicken Brötchen gefilmt. Fatal. Das Madonna-Handy musste ich haben.

Der Akku hielt sieben Stunden

Es war die Zeit der großen Koalition. Die soziale Schere war noch nicht aufgegangen, wir hatten Geld wie Heu, das Madonna-Phone kostete so viel wie ein kleiner Sportwagen, und die Bedienungsanleitung war so dick wie das Grazer Telefonbuch. 100 Nummern konnte man speichern. Der Akku hielt sieben Stunden. Und war in der verstörend kurzen Zeit von 24 Stunden frisch geladen. Ein Wunder der Technik! Mit dem Daumen drehte man am Rad und spulte sich durchs Freundemenü. Handyfonieren war Freizeit. Amtliches besprach man von einem Telefon.

Schick

Das Madonna-Phone war so schick, weil es den Madonnabügel hatte. Der Bügel erinnerte an die Wangenmikros, ohne die Popstars in den 90ern keine wirklichen Popstars waren. Den Madonnabügel schnalzte man mit dem Daumen raus. Dann gingen die Lichter an. Das war schon was! Das hätte Captain Kirk gefallen.

Bier

Was wurde ich bewundert mit dem Madonna-Phone! Wie modern hupte es, wenn mich jemand am "Handy anrief", wie man damals sagen musste, um hochmodern zu wirken. Das Madonna-Phone lag stets dekorativ am Loungetable, am Abhängetresen, auf der angesagten Bar. Bis das Bier des Klingonen umfiel und mein erstes Handy ertrank.

Nie wieder sollte ich mir einen Nachfolger zulegen, der den Wert eines gepflegten Mittagessens überstieg. Das hätten sogar der dicke Captain und sein langohriger Freund verstanden.

Andrea Maria Dusl ist Autorin, Zeichnerin und Filmemacherin. Sie hostet ein viel besuchtes Blog auf comandantina.com (Der Standard Printausgabe, Rondo 23. Juni 2006, Andrea Maria Dusl)

  • 100 Nummern konnte man speichern. Der Akku hielt sieben Stunden. Und war in der verstörend kurzen Zeit von 24 Stunden frisch geladen. Ein Wunder der Technik!
    bild: photodisc

    100 Nummern konnte man speichern. Der Akku hielt sieben Stunden. Und war in der verstörend kurzen Zeit von 24 Stunden frisch geladen. Ein Wunder der Technik!

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