"Die Kunstwelt ist ein gefräßiges Monster"

23. Juni 2006, 22:07
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Samuel Keller, Direktor der Art Basel, im STANDARD- Interview über das Tempo im Kunstkarussell und Rekordpreise

Sie ist die wichtigste Messe für bildende Kunst, hier treffen sich jedes Jahr internationale Sammler, Museumsdirektoren und Kuratoren. Auf der diesjährigen 37. Art Basel waren 300 Galerien mit Werken von 2000 Künstlern vertreten - von Picasso bis zur jüngsten Kunst. Hier werden Spitzenpreise erzielt, ein neues Werk von Jeff Wall etwa kostet 375.000 Dollar. Direktor der Art Basel und der vor fünf Jahren gegründeten Art Basel Miami Beach ist seit sechs Jahren Sam Keller. Keller begann bei der Messe 1995 als Pressesprecher und wird sich im Frühjahr 2008 neu orientieren - als Direktor der renommierten Fondation Beyeler in Basel.


DER STANDARD: Sie sind seit zwölf Jahren bei der Art Basel, anfangs Pressesprecher, seit sieben Jahren Direktor - in dieser Zeit hat sich die Kunst enorm verteuert. Samuel Keller: Die Verteuerung setzt sich seit Jahren kontinuierlich fort. Das gilt für museale Werke, die sehr hohe Preise erzielen, aber auch für Werke der zeitgenössischen Kunst.

Gefragte Künstler, die von starken Galerien vertreten und in vielen Museen ausgestellt werden, erreichen heute sehr schnell die Hunderttausend-Euro-Grenze. Auch bei der ganz jungen Kunst können die Preise sehr schnell ansteigen, weil es sich um einen globalen Markt handelt und die Werke mit einem Sprung ein großes Käuferpublikum finden. Auffallend ist sicherlich, dass die Kosten für die Produktion von großen Skulpturen und Installationen, wie wir sie auf der ,Art Unlimited' zeigen, enorm gestiegen sind. Die Preise für Kunst, die gerade nicht in aller Munde ist, oder für Mid-Career-Künstler, entwickelt sich dagegen eher langsam.

DER STANDARD: Sind hohe Preise identisch mit künstlerischem Erfolg?

Keller: Das kann man so sicherlich nicht sagen. Die große Herausforderung für Künstler und auch Galeristen liegt nicht in hohen Preisen, sondern in einem langfristigen Erfolg - die Kunstwelt ist ein gefräßiges Monster, das dauernd etwas Neues sucht.

DER STANDARD: Begünstigen Messen nicht diesen Schnellerhitzer-Effekt, der Künstler in fünf Jahren zum Erfolg peitscht?

Keller: Messen funktionieren als Beschleuniger. Aber auch in einigen Ausstellungen, vor allem in Biennalen gilt dieses Hitlistenverfahren. Wir sind auch nicht ganz glücklich über die hohen Preise vor allem für junge Kunst. Aber auf die Preise haben wir keinen Einfluss.

DER STANDARD: Die Messe ist ja vor allem ein Markt für Sammler - wie hoch schätzen Sie die Macht von Sammlern für den Kunstbetrieb ein?

Keller: In den vergangenen Jahren hat der Einfluss der Sammler zugenommen, was damit zusammenhängt, dass der Einfluss des Staates zurückgeht, die Staaten sich ihrer Verantwortung für die zeitgenössische Kunst nicht bewusst sind und zu wenig Geld geben. Durch die hohen Preise am Markt wird das heute vermehrt von Privaten aufgefangen, und die Museen sind auf die Zusammenarbeit mit Privaten angewiesen.

DER STANDARD: Sammler sind ja meist in einem Hauptberuf tätig - haben die überhaupt genug Zeit und Energie, sich ausreichend mit Kunst zu beschäftigen?

Keller: Es gibt durchaus Sammler, die große Experten in ihrem Bereich der Kunst sind, und einige können es sich leisten, mehr Zeit in Sachen Kunst zu investieren als professionell Tätige. Die können dann zum Beispiel, was Reisen betrifft, fast alle Biennalen sehen.

DER STANDARD: Ist das nicht eine gefährliche Entwicklung?

Keller: Es ist gut, dass Wissen angereichert wird. Solange die Kunstsammler ihre Werke auch an Museen ausleihen, ist das eine positive Entwicklung. Wenn sie ihre Werke im Museum zeigen, sie dann aber wieder weiterverkaufen, der Öffentlichkeit entziehen, ist das bedenklich.

DER STANDARD: Sie haben die Art Basel als ,bedeutendsten Börsenplatz des Kunstbetriebs' bezeichnet - Kunstkaufen als Spekulation?

Keller: Den Vergleich hat eine Zeitung geschrieben. Die Art Basel ist ein Handelsplatz, aber auch eine Kulturveranstaltung und der jährliche Treffpunkt der Kunstwelt. Das Kaufen von junger Kunst kann durchaus auch einen spekulativen Charakter haben, aber Kunstkauf ist mehrheitlich nicht Spekulation, sondern Passion.

DER STANDARD: Was macht den Preis eines Kunstwerkes aus?

Keller: Preise werden zwischen Galerist und Künstler besprochen, hängen von Faktoren ab wie Ausstellungsbeteiligungen und Publika- tionen, aber auch, ob die Werke an prominen- ten Orten wie der Art Basel vertreten sind, wie gut sich die Werke verkaufen. Mindestens genauso viel Einfluss haben aber auch die Produktionskosten der Werke, die Qualität und Rarität - das ist eine ziemlich komplexe Sache.

DER STANDARD: Entstehen die Preise bei den figürlichen Bildern der "Leipziger Schule" mit Neo Rauch oder Matthias Weischer nicht ausschließlich durch die an Jagdfieber grenzende Nachfrage?

Keller: Hier muss man zwischen Primär- und Sekundärmarkt unterscheiden. Die Galerie, der Primärmarkt, setzt den Preis mit den Künstlern fest, im Sekundärmarkt der Wiederverkäufer können die Preise dann höher sein, denn die Galerien verkaufen nicht an jeden Interessenten - wichtige Sammlungen und Museen werden bevorzugt. Die verantwortungsvollen Galerien bemühen sich um eine kontinuierliche Preissteigerung statt eines rasanten Anstiegs - dem dann auch ein rasanter Fall folgen könnte.

DER STANDARD: Haben Rekordpreise wie der Verkauf von ,Adele' einen Einfluss auf den jungen Kunstmarkt?

Keller: Rekordpreise sind psychologisch wichtig, der Kunstmarkt ist wie jeder andere Markt auch eine Frage des Vertrauens. Solche Preise sind eine Bestätigung, dass Kunstwerke hohe Preise erzielen können und auch andere Leute bereit sind, diese zu bezahlen.

DER STANDARD: Kunst ist ja mittlerweile zum gesellschaftlichen Ereignis geworden, die Partys sind manchmal wichtiger als die Ausstellung - ist das eine Tendenz, die die Art Basel unterstützt mit dem umfangreichen Sammler-Programm voller Cocktail-Empfänge?

Keller: Der Umgang mit Kunst unterstützt das gesellschaftliche Ansehen seit Jahrhunderten, Päpste und Könige taten es bereits. In den vergangenen Jahren hat das zugenommen, und es ist positiv, dass die Gesellschaft die Leistungen der Kunst hoch achtet. Kunstsammeln ist aber zunehmend nicht mehr nur eine private Tätigkeit, das Treffen mit Künstlern und Galeristen ist erweitert durch den Austausch von Sammlern untereinander, was die Art Basel Miami Beach unterstützt. Aber man muss natürlich sehen, dass die Treffen nicht zum dominierenden Faktor werden, sondern dass die Kunst im Mittelpunkt steht.

DER STANDARD: Wie können Sie das Qualitätsniveau erhalten?

Keller: Unser Selektionsverfahren für die Art Basel wählt diejenigen Galerien aus, welche die interessantesten Künstler vertreten und die bereit sind, deren wichtigste Werke hierher mitzubringen und anzubieten. Wir wählen dabei weit gehend antizyklisch aus, gerade jetzt eben wenig Figürliches.

DER STANDARD: Gute Kunst entsteht oft für Ausstellungen, zunehmend für Biennalen. Die Schnittmenge zwischen den 97 Künstlern aus 47 Ländern, die gerade im März auf der 9. Havanna Biennale ausstellten, und der Art Basel ist gleich null - sehen Sie Biennalen als Parallelwelt zu Kunstmessen?

Keller: Überhaupt nicht, wenn man die großen Biennalen in Venedig, Sao Paulo oder Istanbul nimmt. Kuba hat immer eine Außenseiterposition, auch aus politischen Gründen. Auch die Biennalen in Ostasien oder in Dakar zeigen oft Künstler, die keine Galerievertretungen haben. Aber es ist nicht unbedingt alles ganz relevant, was auf Biennalen gezeigt wird - und das gilt übrigens auch für Kunstmessen.

(Sabine B. Vogel/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.6.2006)

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    "Woman in armchair" (1994) von George Segal auf der Art Basel.

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