Ein Hund seiner Zeit

30. Juni 2006, 11:51
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György Dalos nimmt in seiner Erzählung "Balaton Brigade" das Leben eines Spitzels unter die Lupe

Früher hat der Hund gewartet, nun wartet er. Hugo heißt der Dackel, Josef Klempner der Herr in György Dalos' neuer, 160 Seiten starken Erzählung Balaton Brigade. Der Hund ist das Einzige, was Klempner geblieben ist. Die DDR und das Ministerium für Staatssicherheit, für die er seine Energie aufwandte, seine Lebenszeit verschwendete und seine Spitzeldienste leistete, gibt es nicht mehr. Seine Frau hat ihn verlassen, die Tochter auch. Klempner, das fühlt er, hat hier im wiedervereinigten Berlin, wir schreiben das Jahr 1995, nichts mehr verloren. Doch was er verloren hat, hat er nicht hier verloren.

Unsichere Identität

Der Hund ist Josefs Schuldhund, sein Gedankenhund, ihm erzählt er während sieben Spaziergängen seine Lebensgeschichte. Eine Geschichte, in der es um eine unsichere Identität, um Täuschung und Verrat auch geht und deren Hauptteile im "Wendejahr" 1989 spielen. Klempner wurde damals gerade zum Hauptmann im Ministerium für Staatssicherheit befördert und bekommt den Auftrag als Mitglied der Balaton-Brigade an den Plattensee zu reisen, wohin sich immer mehr DDR-Bürger in der Gewissheit, dass Ungarn bald die Grenzen zu Österreich öffnen wird, begeben. Dort soll er, getarnt als Doktor Schwabe, erheben, was die Volksseele sagt. Klempners Ahnung, dass das Ende der DDR naht, verdichtet sich immer mehr zur Gewissheit, dass die Tage der DDR in der bestehenden Form gezählt sind.

"Subversives Subjekt

Trotzdem verrichtet er unverdrossen seinen sinnlos gewordenen Dienst, seine Pflicht. Eine Pflicht, der er auch - zwar mit Gewissensbissen, aber doch - nachkommt, als sich seine Tochter in ein vermeintlich "subversives Subjekt" verliebt und er den Auftrag bekommt, eine Akte anzulegen und die beiden auszuspionieren, was ihn letztlich die Familie kostet. Doch zurück ins Jahr 1989. Klempners Auftrag am Balaton ist für ihn auch eine Art Sehnsuchtsreise in die Vergangenheit, denn er ist gebürtiger Ungar. 1946 wurde er zusammen mit seinen donauschwäbischen Eltern ausgesiedelt. Die Eltern kehren zurück, er, mittlerweile von der Stasi angeworben, bleibt. Ebenso bleibt die Lücke, der Grund-Riss und die Heimatlosigkeit.

"Staatsfeindliche Aktivitäten"

All das schildert der 1943 geborene Dalos ohne jeden Zynismus, in einer schönen und ruhigen Sprache. Balaton Brigade ist ein Monolog der Einsamkeit, eine Beichte an den Hund - und das Psychogramm eines Menschen, keines Scheusals, der im Auftrag des Staates die eigene Familie zerstört und das Wohl des Landes über sein eigenes stellt. Dalos, der den Überwachungsapparat kennt, ihn wegen "staatsfeindlicher Aktivitäten" 1968 in Ungarn am eigenen Leib erfahren hat und in seiner Heimat 19 Jahre nicht publizieren durfte, wertet nicht, sondern versucht aufzuzeigen, wie Derartiges möglich ist oder wird.

Es geht in dieser Erzählung nicht um Schwarz oder Weiß oder Gut und Böse, sondern um die Grautöne, die dazwischen liegen. Dalos, der sich in vielen seiner Bücher mit dem Kampf der Weltanschauungen auseinander gesetzt hat, sagte einmal, er sei Schriftsteller und kein Richter. Gerichtet über seine Figur hat er auch in diesem Buch nicht, das die fast vergessene Figur des Spitzels, die wir aus Büchern wie Christa Wolfs Was bleibt, Wolfgang Hilbigs Ich oder auch Hans Joachim Schädlichs Tallhover kennen, wieder zum Leben erweckt. Ein Thema, das nicht nur Ungarn und die neuen deutschen Bundesländer weiter beschäftigen wird. (Stefan Gmünder/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.6.2006)

György Dalos, "Balaton Brigade". € 20,40/190 Seiten. Rotbuch, Berlin 2006.
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