Makroökonom und Mäusekönig

30. Juni 2006, 11:51
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Gelegenheitswerk mit besinnlichem Gehalt: H. M. Enzensbergers "Josefine und ich"

Mit Franz Kafkas "Josefine, die Sängerin" tritt eine Künstlerin aus dem Volk der Mäuse hervor, deren Pfeifen so unscheinbar wie bezwingend ist. Es bestehen sehr zu Recht ernsthafte Zweifel an ihrer Kunstfertigkeit - man muss dem Erzähler nachgerade blindes Vertrauen entgegenbringen, um dergleichen auch wirklich delektabel zu finden.

Sprechmaschine

Von Vertrauensvorschüssen zehrt auch Hans Magnus Enzensberger: Sein Erzähler Joachim gerät einer Alltagslappalie wegen in Kontakt mit einer greisen Mezzosopranistin, die den 30-jährigen Makroökonomen anno '90/91 in ihr baufälliges Haus lädt, um ihn fortan jede Woche mit kuriosen Proben einer zur Kunst ausgebildeten Rechthaberei zu verwöhnen.

Josefine ist eine Art feuilletonistischer Sprechmaschine: Sie weiß über die vitalen Lebensfragen unserer Zeit allerhand Treffliches zu sagen und bestrickt ihren jungen Gast mit der Lüftung eines Schatzkästleins voller Paradoxa. Bei allem Rabaukentum entschlüpfen ihr Perlen der Lebenskunst: "Jeder möchte Jupiter sein, keiner der Ochse."

Da der Urheber dieser ein wenig anämischen Kunstfigur aber Enzensberger heißt, der bekanntlich der bedeutendste Essayist seiner Generation ist, erörtern die beiden Diskutanten auch so geläufige Themen wie das wenig einnehmende Wesen Saddam Husseins oder den historischen Auftrag der so genannten "modernen Kunst".

Man ist zu Besuch bei einer Sphinx, die ein paar (wenige) Rätsel birgt: Ihr - wiederum greisenhaftes - Hausmädchen, das "Wasserpolnisch" spricht und die Launen der emeritierten Diva mit stillem Eigensinn erträgt, führt eine Kellerexistenz. Mit wenigen Strichen passiert Enzensberger das historiografische Dunkel des Nazi-Mitläufertums - und deutet immerhin an, dass gewisse Wahrheiten nur um den Preis einer moralischen Indifferenz zu haben sind.

"Correctness"

Wie nun aber ist der Bezug auf die traumhaft düstere Kafka-Erzählung von der pfeifenden Josefine zu beglaubigen? Enzensberger verbeißt sich in das Unglück einer Übergangsgeneration, deren "Correctness" in der Figur des "späten", antriebsschwachen Jünglings Joachim förmlich kumuliert: Der Ökonom leistet bundesdeutsche Institutsarbeit - dort, "wo sich die Arbeitsgruppe über die ökonomischen Folgen der Wende zerstritten hat".

Joachim vertritt übrigens die Meinung, dass die DDR "auch den Westen in den Abgrund reißen" werde. Im Konzert der kapitalistischen Labormäuse piept die aufklärerisch geschulte Vernunft eben nur mehr schwach.

Von solchen feinen, gleichsam atmosphärischen "Störungen" lebt eine Erzählung, die man im überquellenden uvre des nimmermüden Enzensberger gleichwohl als Neben- oder Gelegenheitsarbeit wird einsortieren müssen. Das Suhrkamp-Büchlein ist wie ein Totenbrevier in schwarzen Samt eingeschlagen: ein beredtes Zeugnis der Verschwendungssucht, das eigentümlich mit Joachims Rahmenerzählung kontrastiert. Er, der 16 Jahre später glücklich verheiratet ist, übersiedelt nach Kildare. Josefine ist gestorben - ihr Haus abgerissen, ihr jüdisches Hausmädchen spurlos verschwunden.

Zeitfenster

Die Protokolle seiner Hausbesuche bei ihr sind in "Wachstuchheften" niedergelegt. Es ist die Schrift, die das Gedächtnis einer "Altstimme" aufbewahrt - nicht die Phonografie, die nur sehr ungenügende Kunstproben der rätselhaften Josefine überliefert. Ein Fake? Die Erinnerung an ein bundesdeutsches Zeitfenster, das spätestens mit der laufenden Fußball-WM und deren nationalen Erweckungsrhetoriken wieder zugefallen ist. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.6.2006)

Hans Magnus Enzensberger, "Josefine und ich. Eine Erzählung". € 15,50/150 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2006.
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