Meinen und Sagen

10. Juni 2000, 01:34

Erhard Stackl

Die Drohung der Eisenbahnergewerkschaft mit Kampfmaßnahmen für den Fall, dass die Regierung bis Mitte nächster Woche nicht zu Verhandlungen über die geplante Pensionsreform bereit sein sollte, wurde in den Medien korrekt als "Ultimatum" bezeichnet. Doch als ZiB-2-Moderator Robert Hochner, nach längerer Abwesenheit gewohnt souverän zurück, den Gewerkschaftschef Wilhelm Haberzettl am Donnerstag darauf ansprach, sagte dieser, es gebe kein Ultimatum.

Nicht zum ersten Mal wurde damit diese Woche versucht, in die öffentliche Debatte eingebrachte Statements mit einem Interpretationsvorbehalt zu versehen. Wenn Medien Aussagen als das bezeichnen, was sie sind, werden sie der Falschinterpretation geziehen. So geschah es, als Außenministerin Benita Ferrero-Waldner in der französischen Zeitung Le Figaro zur EU-Erweiterung sagte, Österreich sei dafür. "Aber wenn die Irritation in der öffentlichen Meinung weiter ansteigt, könnte sich die Regierung einem starken Druck ausgesetzt sehen, einen Boykott durchzuführen." DER STANDARD verknappte die diplomatische Formulierung zur Schlagzeile "Ferrero-Waldner droht mit Blockade" und auch Die Presse schrieb von einer "sanften Drohung mit EU-Boykott".

Die Außenministerin ließ das Wort "Drohung" als "unzulässigen Schluss" dementieren. Doch wie wird es im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet, wenn man jemandem im Fall der Fortsetzung eines unerwünschten Verhaltens negative Konsequenzen ankündigt? Auch die Einhaltung von Gesetzen versucht man ja durch "Strafandrohungen" und nicht durch "Strafwarnungen" oder "Feststellungen" zu erreichen.

Wenn man die indiskutablen verbalen Ausritte freiheitlicher Mandatare einmal beiseite lässt: Wer weder Ultimaten noch Drohungen aussprechen will, sollte seine Aussagen so formulieren, dass sie es im Endeffekt nicht trotzdem sind.

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