Wer findet, hat nicht richtig gesucht

23. Juni 2006, 22:39
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Nicht immer rettet die Sprache. Aber sie kann ein Trost sein. Am 25. Juni wäre Ingeborg Bachmann 80 Jahre alt geworden

Ende dieser Woche wäre Ingeborg Bachmann, eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, achtzig Jahre alt geworden. Sie ist am 25. Juni 1926 in Klagenfurt zur Welt gekommen. Mit 47 Jahren, 1973, ist sie in Rom an den Folgen eines Brandunfalls gestorben.


Ingeborg Bachmann wurde in den Fünfzigerjahren mit ihren Gedichten berühmt. Gedichte werden oft belächelt, als wären sie zeit- und wirklichkeitsfremd. Oft genug sind sie es auch. Bei Bachmann sind sie es nicht. Ihre Gedichte enthalten genaue Formulierungen, die sich einprägen, in knappe Bilder verdichtete Erfahrungen, Zweifel, Fragen und Forderungen, in denen sich ihr Widerstand artikuliert. In einer Zeit der atomaren Drohung schrieb sie Verse, die heute, angesichts des globalen Terrors, so aktuell sind wie damals: "Die Erde will ein freies Geleit ins All / jeden Tag aus der Nacht haben, / daß noch tausend und ein Morgen wird."

Gegen die "Nacht" hat Bachmann in ihrem Werk immer wieder die Schönheit der Welt und den Glücksanspruch der Menschen verteidigt. Ihr Werk ist ein großer Gesang auf unsere Augen, auf das Sehen, auf die Schönheit. "Ich hörte, daß es in der Welt mehr Zeit als Verstand gibt, aber daß uns die Augen zum Sehen gegeben sind", heißt es am Schluss ihrer Erzählung Was ich in Rom sah und hörte.

Rezension aus dem Jahre 1949

Bachmann hat im Wien der Nachkriegsjahre Philosophie studiert und eine kritische Dissertation in der Tradition der sprachanalytischen Philosophie des Wiener Kreises verfasst. Schon am Beginn der Fünfzigerjahre engagierte sie sich für eine größere Resonanz des Werks von Ludwig Wittgenstein. Ihre erste philosophische Publikation ist eine Rezension aus dem Jahre 1949. Darin kommt die dreiundzwanzigjährige Philosophiestudentin mit selbstbewusster Ironie auf die fragwürdige Verbindung von Philosophie und Geschäft zu sprechen, die ja heute den Universitäten als der große innovative Auftrag zugemutet wird.

Sie wundert sich - und das Staunen ist ja bekanntlich der Anfang aller Philosophie, vor allem der politischen -, dass es eine Gesellschaft für "Wirtschaft und Existenzialphilosophie" gibt, und sie wundert sich weiter, was überhaupt die "zusammenhanglosen Gemeinplätze über Kaufkraft und Güterangebot" in einem Philosophiebuch zu suchen hätten, und "leider" muss sie sich "auch darüber" "wundern", dass ein Universitätslehrer sich an diesem Verrat der Philosophie beteiligt. Sie meinte ja nicht, die Wirtschaft wäre kein angemessener Gegenstand der Philosophie, aber dass die Philosophie zur Gehilfin der Wirtschaft werden sollte, erregte ihr Erstaunen.

Augenzwinkern

Bachmanns Sinn für Komik und Witz wird viel zu wenig beachtet. Noch an den schwärzesten Stellen in ihrem Werk gibt es ein Augenzwinkern, dass wir uns doch in der Welt der Literatur befinden. Auch in Malina, den einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten "Todesarten"-Roman, ist dieses Augenzwinkern hineinkomponiert. Nichts wird dadurch verkleinert, kein Schmerz und kein Ausdruck der Freude. Der Roman ist neben allem andern, als das er gelesen werden kann, ob als Zeitroman oder Ich-Roman oder Kriminalroman, vor allem ein ganz ungewöhnlicher, durchaus komischer Liebesroman.

Vielleicht kein "Lob der Torheit", aber eine verständnisvolle, geradezu empathisch unmittelbare Anerkennung des Phänomens, dass ein Ich, sonst ausgestattet mit größtem Verstand und Wissen, in diesem Bereich seinen Verstand verliert, einmal himmelhoch glücklich und im Verlauf dieser Liebesgeschichte immer häufiger zu Tode betrübt ist - und doch bis zuletzt mit keinen vernünftigen Gedanken mehr Umgang haben will.

Mehr als ein schwarzes Spiegelbild

Darin ist der Roman gar nicht so wirklichkeitsfremd, und obwohl er von den Kritikern, als er Anfang der Siebzigerjahre herauskam, als hoffnungslos veraltet und romantisch bezeichnet wurde, wird er bis heute von den nachkommenden jungen Generationen von Leserinnen und Lesern begeistert gelesen.

Natürlich ist der Roman mehr als ein schwarzes Spiegelbild der Lovestory, und die Komik ist nur eine Facette. Aber Bachmann hat gern in ihre Werke sehr gegensätzliche Komponenten eingebaut, aus Gründen der sprachlichen Polyfonie, aber wohl auch aus Freude am augenzwinkernden, lebenserhaltenden Satyr-Spiel.

So hat sie während der schweren, für sie oft lustlosen Arbeit an den "Todesarten"-Romanen daneben ein anderes, witziges, "impertinentes" Buch, geschrieben, zur Aufheiterung gewissermaßen: ihre "Wienerinnen"-Porträts, die dann unter dem Titel Simultan als ihr letztes Buch herauskamen. Sie habe diese Frauen aus Wien gar nicht erfinden müssen, "sehr tüchtige, sehr unwirkliche, sehr zaghafte, sehr praktische weibliche Wesen", sie seien "eines Tages" zu ihr gekommen "und wollten leben".

Mehr als ein schwarzes Spiegelbild

Ich stelle mir die Frage, woran es liegt, dass Ingeborg Bachmann mit ihrem Werk, mehr als dreißig Jahre nach ihrem Tod, so besonders gegenwärtig ist? Das kann nicht nur mit äußerlichen Fragen des Stils erklärt werden, obwohl es auch damit zu tun hat. Wie bei ihr ein Gedicht einsetzt: "In mein erstgeborenes Land, in den Süden zog ich" (Das erstgeborene Land), oder: "Seit jener Nacht / gehe und spreche ich wieder, / böhmisch klingt es, / als wär ich wieder zuhause" (Prag Jänner 64), das hakt sich in einem fest und man vergisst es nicht leicht.

Was für ein subtiler erster Satz der Erzählung Ihr glücklichen Augen: "Mit 2,5 rechts und 3,5 links hat es angefangen, aber jetzt hat sie, harmonisch, auf jedem Auge 7,5 Dioptrien." Ich kenne eine Leserin, die von Augen etwas versteht und vom Lesen, und die diesen Satz, der diskret den Konflikt der erzählten Figur andeutet, grandios findet.

Gegenwärtigkeit

Der erste Satz von Das Buch Franza lautet: "Der Professor, das Fossil, hatte ihm die Schwester zugrunde gerichtet." So fängt ein Kriminalroman an, aber es ist, vom ersten Satz an, auch ein Roman über die Schwester als einen Teil von ihm selbst, dem brüderlichen Detektiv. Man ist sofort mitten in Bachmanns "unverwechselbarer" Sprach-, Motiv- und Konfliktwelt, wo es immer auch um einen Verlust in uns geht, um Bruder und Schwester in uns selbst. Und Martin, der Bruder Franzas, ist wirklich, wie in Robert Musils Gedicht, das in den Romantext hineingeflochten ist, "Unter hundert ein Bruder."

Aber, zur Erklärung jener besonderen Gegenwärtigkeit, die Ingeborg Bachmann für ihre Leserinnen und Leser hat, müsste man auch das einbeziehen, was in ihrem Werk die Kunst und die Sprache selbst infrage stellt, jene Hinneigung zum Verstummen, zum Schweigen. Denn "nicht immer rettet die Sprache, sie macht auch einsam, sie exiliert und lässt verstummen", sagte Hubert Lengauer bei einer Feier, als Ingeborg Bachmanns Klagenfurter Gymnasium nach ihrem Namen benannt wurde: "Für Schweigen, Trauer, Angst, Entfremdung, Isolation haben die Leistungsbeurteilungen der Schule wie des Lebens häufig nur ein ,Nicht Genügend'" als Zensur zur Verfügung. . . . Von Ingeborg Bachmann wäre der Respekt gerade vor jenen Zuständen zu lernen." (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.6.2006)

Von Hans Höller

Kürzlich erschien auch das Hörbuch: "Eine einzige Stunde frei sein". Gedichte und Prosa. Gelesen von Doris Wolters, € 14,90, Deutsche Grammophon" oder vier CDs mit von der Autorin selbst gelesenen Originalaufnahmen "Todesarten. € 27,95, DHV - Der Hörverlag".

Hans Höller ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Salzburg. Er hat die Bachmann- Monografie für den Rowohlt Verlag (1999) ge- schrieben. Zuletzt hat er den Briefwechsel Ingeborg Bachmanns mit Hans Werner Henze ediert ("Briefe einer Freundschaft"), der jetzt auch als Piper-Taschenbuch erhältlich ist.

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    "Für Schweigen, Trauer, Angst, Entfremdung, Isolation haben die Leistungsbeurteilungen der Schule wie des Lebens häufig nur ein ,Nicht genügend'" als Zensur zur Verfügung. . . . Von Ingeborg Bachmann wäre der Respekt gerade vor jenen Zuständen zu lernen".

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