Bitte Klang ohne Schlagobers!

30. Juni 2006, 12:32
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Hans Graf mit dem Brucknerorchester bei den OÖ. Stiftskonzerten

Wien - Es ergab sich in Houston, dass ein Nachfolger für Christoph Eschenbach gesucht wurde, nachdem dieser beschlossen hatte, den elf Jahren als dortiger Orchesterchef kein weiteres mehr hinzuzufügen. Eile war nicht im Spiel - das achtzehnköpfige Komitee konnte sich zwei Jahre Suchzeit nehmen.

Man plante eine Konzertsaison in Hinblick auf bei der Arbeit zu hörende Kandidaten. Man reiste herum und las sicher auch die Antworten in jenem Fragebogen, den die Musiker ausfüllten, nachdem sie wieder einen Gast dirigieren erlebt hatten.

"Da standen dann so Fragen drin wie: Hat er bei den Proben seine Zeit effektiv genutzt? Hatte er musikalisch etwas zu sagen? Hat er Eindruck auf das Publikum gemacht? Wie war er im Umgang? Rüde? Besteht er darauf, das zu kriegen, was er verlangt?" Hans Graf muss eine erkleckliche Anzahl gewünschter Antworten provoziert haben. Er wurde Chef in Houston und will es noch eine Weile bleiben.

Publikumsjagd

Wobei, einfach sei die Situation nicht. "Alle Orchester haben Probleme. Nach 9/11 wollten die Leute nicht mehr ausgehen. Grundsätzlich: Die über fünfzig, die keine Kinder mehr zu betreuen haben, die kommen." Die Jüngeren wären aber wichtig. "In Houston wohnt man nicht. Wenn sie ein Konzert besuchen wollen, brauchen sie Babysitter, sie zahlen Parkgebühr, ein Abendessen und die Tickets. Da kommt was zusammen. Wenn sie aber 500 Dollar für einen Nachmittag beim Baseball zahlen, dann müssten 200 für ein Konzert drin sein."

Man lebt natürlich auch von Sponsoren; Zyklen haben dann nicht zufällig Namen wie American Expression. Da sind aber auch die finanziellen Reserven des Orchesters, die veranlagt werden. "Pittsburgh hat bei der Börsenkrise von 130 auf 90 Millionen Dollar abgenommen, weil man zu spekulativ agiert hat. Wir gingen von 54 auf 48 Millionen runter. Boston hat von seinen 275 Millionen nichts verloren, hat konservativ angelegt. Wenn alles gut geht, kann man von diesen Reserven sechs Prozent ins Budget übernehmen."

Graf, der 1979 den Karl-Böhm-Wettbewerb gewonnen hat, kann auch sonst Interessantes erzählen. Er hat alle großen Orchester dirigiert, war auch Chef des Mozarteum Orchesters. Nun kommt er vorbei, um das Brucknerorchester zu leiten. Den meisten Kollegen hat er aber eine Erfahrung voraus: Von 1975 bis 1976 betreute er in Bagdad das Staatsorchester: "Mit 25 kann man das machen, ich habe viel gelernt. Saddam Hussein war damals zweiter Mann, zu Konzerten kam er nie. Es war wohl so wie in der DDR. Papierkrieg, Bürokratie. Wenn man einen Ausflug in die Wüste machen wollte, musste man Papiere besorgen."

Bezüglich wichtiger Eindrücke meint Hans Graf: Von einem Kollegen habe er dirigieren gelernt, vom anderen, was es heißt, ein Dirigent zu sein: "Das ist leicht zu erklären: Es gibt so viele, die kein schönes Sacre zusammenbringen und dennoch große Dirigenten sind. Sándor Végh ist mit dem ORF-Orchester bei Bartók nicht über die ersten Takte hinausgekommen. Er war dennoch groß."

Der Alltag

Was ein Dirigent sei, "habe ich bei Franco Ferrara gesehen, also jenes Vertrauen in die Möglichkeiten, mit einer Geste seinen Willen so auszudrücken, dass alles unausweichlich wird. Aber er hat nie Alltag dirigiert. Den Alltag in einem zerstörerischen Umfeld, wie es Leningrad war, hat Arvid Jansons bewältigt. Als 2. Dirigent hatte er kaum die Schokoladenseite des Orchesters zu betreuen. Dabei seine Dignität zu bewahren, da gehörte viel dazu. Sehr beeindruckend."

Auch Sergiu Celibidache hat er erlebt: "In seinen Konzerten habe ich mehr gelernt als in seinem Kurs. Er war liebenswert und bedenklich zugleich, immer aber interessant. Der ließ niemanden kalt. Ich persönlich konnte viele Geschmacksentscheidungen nicht nachvollziehen. Zu viel Schlagobers in der Musik!" (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.6.2006)

30. 6., OÖ. Stiftskonzerte, Stiftsbasilika, Infos: (0732) 77 61 27, 20.00
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