"zuwensch ägschn" - Zum "Klagenfurter Wettlesen"

23. Juni 2006, 22:23
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Solides Handwerk dominiert auch in diesem Jahr - Bemerkenswert ist allenfalls die Wiederentdeckung der Arbeitswelt als Thema

Das Klagenfurter Wettlesen, sagte Michael Lentz, der hier 2001 gewann, sei ein Formel-1-Rennen: Das Auto könne noch so gut sein, immer müsse man mit Unwägbarkeiten wie technischen Pannen und Kollisionen mit der Konkurrenz rechnen.

Das ist schön gesagt, denn einerseits lässt sich in der Literatur nicht so leicht Einigkeit darüber herstellen, wer die Ziellinie als Erster überquert, andererseits gehört es zu den Gewissheiten des Klagenfurter Wettbewerbs, dass gleichzeitig irgendwo auf der Welt eines der großen Sportereignisse stattfindet, heuer in Deutschland.

Um die Sportmetapher weiter zu bemühen: Obwohl fast alle Texte gut konstruiert waren, die Mechanik tadellos funktionierte und die Jury - zu Recht - oft den Ton, den "sound" der gelesenen Texte, wie es die Jurorin Ursula März gern nennt, lobte, wurde hier in den letzten zwei Tagen doch recht viel im Leerlauf Gas gegeben.

Stromlinienförmig

Zu stromlinienförmig, zu glatt, ja zu brav war das meiste, was auch der neunköpfigen Jury, die ab Donnerstagmorgen langsam in Fahrt kam, Probleme bereitete, denn handwerklich gab es an den meisten Texten wenig auszusetzen. Daher verlagerte sich die Diskussion allzu oft von der Form auf den Inhalt.

All das muss noch nichts heißen, denn bisher wurden erst zwei Drittel der Texte gelesen, es liegt noch einiges drin. Neben der gediegenen Machart der Texte fiel noch etwas auf. Die Arbeitswelt, ihr Druck und die damit verbundenen Ängste scheinen die Autoren vermehrt zu interessieren.

Andreas Merkel las einen Text über einen Mann, der versucht, sein Massenspeichersystem an einen "junior" und einen "senior buyer" zu bringen. Er schildert eine kalte, antiseptische New-Economy-Welt, in der die Protagonisten ausschließlich strategiefixiert agieren, allerdings auch psychosomatisch reagieren.

Wessis und Ossis

In Claudia Klischats Beitrag sucht ein ehemals Obdachloser, sprachlich schnörkellos und präzise gemacht, einen Job. Jurorin Iris Radisch mochte nicht einsehen, warum es sich hier um Literatur handle, jede Spiegel-Reportage sei besser, Kollege Burkhard Spinnen widersprach heftig.

Zu einer anderen Jury-Diskussion, diesmal Österreich (zwei Juroren) gegen Deutschland (fünf) - die Schweiz (zwei) verhielt sich wie immer neutral - kam es dann bei Thomas Melles Text Nachtschwimmen, in dem das Wasser, so wie bei Angelika Overaths Schöpfungsgeschichte Das Aquarium, eine gewisse Rolle spielt.

Melle verknüpft in seinem Text kunstvoll, aber überinstrumentiert die Motive Sommerkurs junger Leute auf dem Land, lesbische Liebe, Schönheitsoperation, soziale Spannungen und getrübtes Verhältnis zischen Wessis und Ossis. Das ist etwas viel auf einmal.

Zerrissenheit

Der österreichische Teil der Jury sah vor allem einen Text, "der Eindruck schinden" will, der deutsche "eine hochkomplexe Rollenprosa" samt Zerrissenheit und historischer Unsicherheit. "Allein unter Ossis" heißt es an einer Stelle in Mellers Text und - sächsisch - "zuwensch ägschn".

Action wurde hier bis auf Clemens Meyer, der gestern las und Melle, der wohl ebenfalls in den Kreis der Favoriten einzureihen ist, höchstens in Ansätzen geboten - am ehesten noch vom in Wien und Berlin lebenden Kevin Vennemann, der die heißen Eisen Ulrichsberg, Wehrmachtsausstellung und Täterperspektive anfasste und sich dabei formal die Finger verbrannte. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.6.2006)

Von Stefan Gmünder aus Klagenfurt
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    Eine Atmosphäre gediegener Langeweile entströmt auch den 30. Lesungen um den Ingeborg-Bachmann-Preis im sommerwarmen ORF-Studio in Klagenfurt.

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