Die Somme der Ereignisse

21. Juli 2006, 15:23
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Ein kurzer französischer Fluss mit einer langen europäischen Geschichte

Obwohl die Geschichte der Somme im Laufe der Jahrhunderte höchst bewegt war, weil die Nord-Süd-Handelsroute nach Flandern durch die Region Picardie führte, lädt die Landschaft entlang des Flusses heute zur ruhigen Erholung oder zur Besichtigung von historischen Orten.

Im Osten, am Oberlauf der des Flusses, der dem französischen Département seinen Namen gab und weiter westlich in den Ärmelkanal mündet, befinden sich zahlreiche Gedenkstätten an den Ersten Weltkrieg, die bis heute von den Nachkommen der Gefallenen besucht werden. Am 1. Juli werden mehrere TV Kamerateams über die 90-Jahr-Gedenkfeier der "Schlacht an der Somme" berichten, die am 1. 7. 1916 in Beaumont-Hamel begann und bis zum 11. 11. 1916 dauerte. Nicht zuletzt durch die Anreise des englischen Thronfolgers Prinz Charles sollen die Feierlichkeiten besonderen Symbolcharakter erhalten.

Gräben schließen

In Beaumont-Hamel wandert man heute durch die inzwischen mit Gras bewachsenen Schützengräben und über Soldatenfriedhöfe. Beim physischen Erleben der in Serpentinen angelegten Schützengräben drängt sich die Vorstellung an das Grauen der (nicht immer freiwilligen) Divisionen auf. Das auf einem Hügel erbaute, imposante "Mémorial von Thiepval", das Prinz Charles besuchen wird, ist eine eindrucksvolle franko-britische Gedenkstätten.

Aus 35 Ländern des Erdballs wurden alliierte Soldaten an die Somme-Front geschickt, wo man mehr als eine Million Opfer zählte. Wie chinesische, kanadische, südafrikanische, neuseeländische, australische, amerikanische, deutsche und französische Friedhöfe bezeugen. Eine bis Dezember dieses Jahres im "Historial von Péronne" geöffnete Ausstellung dokumentiert die Geschichte der Opfer.

Das 1992 eröffnete "Historial von Péronne", das deutsche, französische und britische Historiker aufbauten, ist eine interessante Mischung aus Museum und Gedenkstätte. Im "Historial" denkt und arbeitet man im pazifistischen Sinne, im Geist eines vereinten Europa, wie bereits der Besuch des Schriftstellers Ernst Jünger, der selbst im Ersten Weltkrieg kämpfte und darüber schrieb, anlässlich der Eröffnung bewies.

Um sich heute in der flachen, grünen Landschaft der Picardie umzusehen und dem Flusslauf der Somme zum Meer zu folgen, ist es am bequemsten, mit dem Auto zu fahren. In der Hauptstadt Amiens wird man an der gotischen Kathedrale, die größer als Notre-Dame-de-Paris ist, nicht vorbeikommen - die "schwimmenden Gärten" zwischen den Kanälen, umringt von Fachwerkhäusern, wird man ebenfalls nicht verpassen wollen. Lohnenswert ist auch das "Musée de Picardie". Dieses Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Museum wurde geschmackvoll restauriert und präsentiert seine von der Antike bis zur zeitgenössischen Kunst reichende Sammlung beispielhaft. Die historischen Bauten Amiens' sind freundlicherweise alle mit erklärenden Schildern versehen.

Der 70 Kilometer lange Küstenstreifen an der Mündung der Somme bietet extreme landschaftliche Gegensätze. Beginnend mit der flachen Meeresbucht, wo sich das kilometerlang hinziehende mittelalterliche Städtchen Saint-Valérie-sur-Somme mit seinem Blick über die ganze Bucht hinzieht. Am gegenüberliegenden, nördlichen Ufer der Bucht wartet der bekannte Vogelpark Marquenterre auf Ornithologen - natürlich auch auf jene, die es noch werden wollen.

Mit Kreide gezeichnet

Weiter südlich den Ärmelkanal entlang wird das Meer ziemlich wild und weit. In den Städten Ault-Onival und in Mers-les-Bains trifft man auf die unglaublich schönen weißen Kreidefelsen, die in steilen Klippen ins Meer abfallen. Der Blick von den Steilklippen ins offene Meer, oder umgekehrt auf sie - vom Kieselstrand oder von einer anderen Klippe aus - gehört zu den unvergesslichen visuellen Eindrücken.

In beiden Badestädten sind viele Häuser renoviert und in besonders kräftigen Farben bemalt. Aber nur in Mers-les-Bains gibt es ein ganzes Viertel mit schmalen, hohen Jugendstil-Häusern mit kühn geschwungenen Holzbalkonen, die in knalligen Farbkontrasten gestrichen sind. Das Jugendstil-Viertel, das sich von der Strandpromenade über mehrere Straßenzüge hinzieht, steht in seiner Gesamtheit unter Denkmalschutz.

Bei sonnigem Wetter ist das Licht klar und die jodhaltige Meeresluft besonders erfrischend. Wenn es kühl und neblig ist, hat die Somme aber trotzdem ihre Reize. Es kommt durchaus vor, dass man an zwei aufeinanderfolgenden Tagen beide Extreme erlebt, also typisches Wetter für den zu Unrecht verschrienen französischen Norden. (Der Standard, Printausgabe 24./25.6.2006)

Von Olga Grimm-Weissert

Info: Vom Pariser Nordbahnhof mit dem Zug nach Amiens, Abbeville. Besser ist es, bereits in Paris ein Auto zu mieten und über die A16 Richtung Amiens zu fahren, um das ganze Département sehen zu können.
Adressen: Comité du Tourisme
de La Somme in Amiens.
+33 (2) 22 71 22 79
Somme Tourisme
Historial de la Grande Guerre - Château de Péronne:
Historial
France Guide
  • Mers-les-Bains nahe der Somme-Mündung: nicht so mondän wie die Seebäder in der Normandie - auch nicht so überlaufen - und mit ungewöhnlichen Belle-Epoque-Fassaden.
    somme tourisme

    Mers-les-Bains nahe der Somme-Mündung: nicht so mondän wie die Seebäder in der Normandie - auch nicht so überlaufen - und mit ungewöhnlichen Belle-Epoque-Fassaden.

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