Vom WM-Koller

23. Juni 2006, 19:04
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Franzobel vermählt sich jede Nacht mit einer Jungfrau, die er morgens enthaupten lässt - Quasi

Nicht nur Magnetiseure, auch Gastgeber wissen, Gegensätze ziehen sich an und Gleiche können einander nicht vertragen, konkurrenzieren. Ist das der Grund, weshalb ich mich in den zwei Wochen zu Gast bei Freunden mit aller Konsequenz von den Bildschirmballesterern wegentwickelt habe, wie ein Schiffbrüchiger inmitten unzähliger Chipsrollen und Pizzakartons, Bierflaschen und Pralineschachteln, auf der Fernsehcouch treibe, bar jeder Perspektive, ohne Hoffnung auf Zivilisation?

Während Deutschland mit dem Fußball aus seiner Larmoyanz erwacht und aufgeblüht ist, bin ich kollabiert. Zwölf Kilo zugenommen, mit dem Rauchen wieder angefangen, alle Ersparnisse auf kuriose Ergebnisse verwettet - ein Finale Südkorea - Japan etwa hätte mich mit seiner Quote von 1 zu 45.000 reich gemacht, aber leider. Auch plagen mich seit Tagen Kopfschmerzen, ein Fußballtinnitus, habe ich außer zu den Essensdiensten mit niemandem Kontakt. Diese WM macht mich kaputt. Und dabei ist erst Halbzeit, die Spiele auf Leben und Tod kommen noch.

Mir geht es wie dem König aller Märchen, der sich Nacht für Nacht mit einer Jungfrau vermählt, die er dann im Morgengrauen enthaupten lässt. Um diesem täglichen Spiel zwischen WM-Lust und Schlusspfifffrust zu entkommen, fehlt mir eine Scherazade, eine, die mich aus dem Fußballwahnsinn reißt, eine Pause. Bitte. Und während meinereiner kollabiert, wird draußen noch die Welt verändert. Bush soll in Wien gewesen sein, ein neuer Burgtheaterdirektor ist bestellt, die neue Regierung schon gewählt? Ich krieg davon nichts mit, träume von Spielernamen, davon, wie ich meine Scherazade nennen will. Helder oder Ferydoon? Hedwiges, Yaha, Zvonimir?

Der schönste Vorname ist Liliam, das klingt wie ein mit Veilchensorbet-Atem auf Schmetterlingsflügel gehauchter Liebesbrief. Auch Massamesso, so heißt ein Spieler Togos, hört sich packend, fast gefährlich an. Ludovic, Tranquillo, Ruslan? Stipe, Dado, Shaka, Dwight? Rio, Kolo, Nuno, Sol? Ob die in ihren Ländern Modenamen werden? Dann bin ich für Antonin, die Antonin, was an eine Bäuerin irgendwo in Niederösterreich erinnert, wo die Bauersfrauen alle verweiblichte Namen ihrer Männer tragen. Seppin, Fritzin oder Poldin. Und Antonin heißt Hopkins, nein, Panenka, was Puppe bedeutet, betreibt eine mährische Weinstube in Prag und leidet mit der tschechischen Nummer 23, die Freitag heißt, nein, Kinsky, Antonin, nicht Klaus. Doch jetzt genug Kotau, das nächste Spiel beginnt.

Und Scherazade, wenn sie kommen möchte? Die kann warten. Ich bin jetzt bei Mauro, Per, Iker, Hernan und Omar. (DER STANDARD Printausgabe 24./25.06.2006)

Zur Person:

Franzobel, Schriftsteller und Dramatiker in Wien. Zuletzt erschienen: "Der Schwalbenkönig", Fußball-Kolumnensammlung, Ritter Klagenfurt.

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