Das endlich wiedergefundene Exil

24. Juni 2006, 11:00
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Buchreihe über Schicksale vertriebener Österreicher mit wissenschaftlichem Anspruch

Wien - Chaim Maier kennen wenige. Unter seinem Pseudonym Jean Améry kennen ihn viele. Essays über sein Überleben als jüdisches Naziopfer machten ihn bekannt - sogar in seinem Herkunftsland Österreich. Der 1912 in Wien geborene Literat und Philosoph, der die Erfahrungen des Widerstands, des Konzentrationslagers und des Exils machen musste, bereiste Österreich nach 1945 nur noch als Urlauber, setzte seinem Leben 1978 in einem Salzburger Hotelzimmer ein Ende.

Das Gros der 135.000 Österreicherinnen und Österreicher, das wegen rassistischer und politischer Verfolgung ins Exil gehen musste, kam nicht zurück, viele wurden vergessen. Nie kam eine offizielle Einladung zur Rückkehr.

Amérys und etlicher anderer Schicksale sind in Vom Weggehen. Zum Exil von Kunst und Wissenschaft berührende Beiträge gewidmet. Dieser erste Band der neuen Buchreihe "Exilforschung heute" soll bisherige Ansätze der Exilforschung systematisieren - und die kulturellen Leistungen jener Menschen, die im Exil ihren Weg machten, erinnern. Über Gründe und Folgen der Nichtrückkehr, über Verlust geistigen Potenzials in Österreich, über Lebensumstände der Vertriebenen, ihre Bemühungen und Leistungen in Naturwissenschaften, Medizin, Psychologie, Fotografie, Film, Theater, Musik, Architektur, Literatur handeln die Beiträge.

Gesammelt und herausgegeben wurden sie von der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung, die seit 2002 an einer wissenschaftlich transdisziplinären Erkundung der Umstände des Weggehens, Wegseins und Wiederkommens arbeitet und Brücken zu Exilösterreichern und ihren Nachfahren schlagen will.

Auch das Gedankenjahr 2005 habe gezeigt, dass Exil als Geschichte der "anderen" gedacht werde, erläutert die Geschäftsführerin der Gesellschaft, Sandra Wiesinger-Stock, im STANDARD-Gespräch. Dass es Österreicher waren, dass das Exil für die Betroffenen nie zu bestehen aufgehört hat, sei unbeachtet geblieben. Österreich würde davon profitieren, wenn es sich für ihre vertriebenen Bürger interessieren und die Exilforschung fördern würde: "Hier schlummert ein Schatz an Wissen und Kultur, der darauf wartet, geborgen zu werden", ist die Historikerin überzeugt.

Seit 20 Jahren gibt es Exilforschung in Österreich. Sie will jedoch nicht als Anhängsel der Holocaustforschung gesehen werden und unterscheidet sich auch vom wissenschaftlichen Zugang der Zeitgeschichte: Es wird vom Exilanten als aktiv Handelnden ausgegangen. Ihre Geschichte sei jene vieler Subjekte, ein "Turm" von subjektiven Handlungen, wie es der Schriftsteller, Literaturwissenschafter und Präsident der Gesellschaft, Konstantin Kaiser, im Buch beschreibt.

Kaiser und Wiesinger-Stock bemühen sich nun gemeinsam mit den Historikerinnen Erika Weinzierl und Siglinde Bolbecher und anderen um eine Exilforschung als wissenschaftliche Disziplin. Ziel ist die Errichtung eines eigenen Instituts. Allein - es sei "fürchterlich schwer", Mittel für Forschung und Publikationen aufzustellen. "Wir benötigen dringend eine Basisförderung, um zwei oder drei Mitarbeiter anzustellen und Infrastruktur auszubauen", erklärt Wiesinger-Stock. (Alois Pumhösel/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 6. 2006)

"Vom Weggehen. Zum Exil von Kunst und Wissenschaft", Sandra Wiesinger-Stock, Erika Weinzierl und Konstantin Kaiser (Hg.), Mandelbaum Verlag. 480 S., 29,80 €
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    coverfoto: mandelbaum verlag
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