Briefe eines "Berufsverbrechers" aus den 20er Jahren

25. Juni 2006, 12:00
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Grazer Historiker sammelte Material für ein Zeitdokument in Buchform

Graz - Der Grazer Historiker Christian Bachhiesl hat sieben noch erhaltene Briefe des "Berufsverbrechers" Josef Streck aus den 20er Jahren aneinander gereiht und mit Erläuterungen versehen. Er gibt so einen mitunter auch komischen Einblick in die Lebensgeschichte Strecks und die damalige Gesellschaft. Streck war einer der "Vorzeigefälle", die der Kriminalbiologe Adolf Lenz in einem Lehrbuch zur Thematik vorgestellt hatte.

Der 1883 in Wien geborene, Zeit seines Lebens als Gauner, Gelegenheitszuhälter, Aus- und Einbrecher tätige Josef Streck wurde bei seinem letzten Prozess zu 19 Jahren "schwerem Kerker" verurteilt. Er saß Anfang der 20er Jahre in der Strafanstalt Graz-Karlau, als er als Paradebeispiel für Adolf Lenz' 1927 erschienenen "Grundriss der Kriminalbiologie" untersucht wurde - was für den intelligenten Außenseiter mit überraschendem, selbst angeeigneten Wissen und breitem Interessensfeld eine willkommene Abwechslung im tristen Gefängnisalltag darstellte.

Die Briefe

Aus dieser Zeit stammen sieben Briefe Strecks - vier an den damaligen Anstaltsgeistlichen Josef Rudolf Woworsky, drei an den Kriminologen Lenz. Bachhiesl, der bereits 2005 eine Studie zur Entwicklung der Kriminalbiologie verfasst hat, war in Folge des Wiederaufbaus des Hans-Groß-Kriminalmuseums der Universität Graz darauf gestoßen.

Der "Sonderling mit extremer Individuation", wie Lenz Streck schlussendlich bezeichnete, überrascht in den Briefen mit seinen Überlegungen zu Themen von der Theologie bis zur Sexualität. Er kommt immer wieder auf die auch heute noch diskutierte Frage nach der Sinnhaftigkeit von Strafe zu sprechen, deren abschreckende Wirkung er auf Grund des "Vergessens" leugnet, oder spricht über die "Willensunfreiheit" und die "Beeinflussbarkeit des Willens". Streck machte sich auch über andere lustig - so über die religiöse Ergriffenheit des Anstaltsgeistlichen.

Die Briefe scheinen ein Ruf nach Aufmerksamkeit zu sein, selbst wenn Streck an den Geistlichen schreibt, ist der Kriminologe der eigentliche Adressat. Für Lenz jedoch ist der Häftling nur als Fall interessant - Strecks Versuche, ihn zu einer Antwort zu provozieren, dürften erfolglos geblieben sein. Die Brieftexte sind im Buch abgedruckt, teilweise auch Bilder der Handschriften. Die Erläuterungen des Autors sind ausführlich genug, um den Hintergrund der damaligen Zeit zu verstehen, und doch so kurz gehalten, den Lesefluss der Geschichte nicht zu stören. Die Spannung für den Leser bleibt jedenfalls aufrecht, bis am Schluss auch das kriminalbiologische Resultat zu lesen ist. (APA)

"Der Fall Josef Streck" von Christian Bachhiesl, Lit Verlag, 280 S., 24.90 Euro, ISBN 3-8258-9579-3
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