"Diebskinder" dürfen zurück nach Bulgarien

30. Juni 2006, 11:53
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Krisenzentren im Entstehen - Bulgarien macht Mittel locker - 250 stehlende Kinder im letzten Jahr aufgegriffen

Die zwölfjährige Toschka ist im Februar zu ihrer Familie in einem bulgarischen Dorf südlich der Donauhafenstadt Ruse gekommen und geht zum ersten Mal in ihrem Leben regelmäßig in die Schule. Das Mädchen aus der sozial unterprivilegierten Minderheit der Roma war von seinen Angehörigen an Schlepper verkauft und zum Stehlen nach Wien gebracht worden. Das Kind ist eines der ersten, das von dem nach massivem Druck aus Wien funktionierenden Rückführungsprogramm profitiert, nachdem die bulgarischen Behörden sich lange geweigert hatten, diese ins Ausland verkauften Kinder zurückzunehmen.

Eine entsprechende Vereinbarung ist diese Woche von Justizministerin Karin Gastinger mit den zuständigen Behörden in Sofia getroffen worden. Das Problem: Allein in Wien sind im vergangenen Jahr 250 nicht strafmündige so genannte Diebskinder aufgegriffen worden und bei der "Drehscheibe", einer Einrichtung der Magistratsabteilung 11, gelandet. Wegen Problemen bei der Feststellung ihrer Identität waren den Behörden die Händen gebunden, die Kinder - ausschließlich Mädchen - rissen aus und landeten wieder in den Händen der Kriminellen, von denen sie zum Stehlen gezwungen wurden. Für die Schlepperorganisationen ein lukratives Geschäft: 350 Euro Beute machte ein Mädchen pro Tag, wie Norbert Ceipek von der Drehscheibe sagte. Er hatte im Vorfeld der Gastinger-Vereinbarung mit den bulgarischen Stellen verhandelt.

Problem verkannt

"Sozialministerin Emilia Maslarova hat eingestanden, dass in Bulgarien das Problem in seiner Tragweite verkannt wurde", sagte Ceipek. "Es ist ja nicht Österreich allein betroffen. Die Roma-Kinder wurden auch in andere Länder verkauft." In Wien sind seit mehreren Woche keine bulgarischen "Diebskinder" mehr aufgetaucht, was bei der "Drehscheibe" unter anderem darauf zurückgeführt wird, dass das Geschäft für die Schlepper nicht mehr lukrativ ist, seit die Möglichkeit besteht, die aufgegriffenen Kinder in ihre Heimat zurückzubringen.

Im September soll in einem Vorort von Sofia das erste von vorerst drei Krisenzentren nach Wiener Konzept fertig sein, in denen jeweils 30 Kinder zunächst bis zu sechs Monate Aufnahme finden. Ziel ist aber, wie Ceipek erläuterte, die Mädchen so rasch wie möglich in ihre Familien zurückzubringen. Das Um und Auf: Sozialarbeiter und Pädagogen überprüfen, ob die Kinder einen geregelten Alltag haben, sprich, in die Schule gehen. "Für die Krisenzentren hat die bulgarische Regierung Sondermittel zur Verfügung gestellt. Für weitere solche Einrichtungen wurde im Budget 2007 vorgesorgt", berichtete Ceipek.

Verlagerung in andere Städte

Die Aktivitäten der Schlepper verlagern sich nach Angaben der "Drehscheibe" zunehmend in andere Städte. "Wir haben wegen unseres Konzepts bereits Anfragen aus Frankfurt und London erhalten", sagte Ceipek. Der "Sunday Telegraph" berichtete anhand des Beispiels Toschkas jüngst auf einer Doppelseite über das Problem. Die Zwölfjährige ist nur eines von drei Kindern, die in dem Dorf verkauft wurden. Ein weiteres ist ebenfalls zurückgebracht worden, ein drittes ist möglicherweise in Italien. Über den Preis schweigen sich die Angehörigen aus. Im Bundeskriminalamt in Wien spricht man von 4.000 bis 5.000 Euro. Über die Gesamtzahl der in den vergangenen Jahren verkauften Kinder gibt es nur Schätzungen. In Bulgarien geht man laut Ceipek von 10.000 bis 15.000 aus. (APA)

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    "Diebskinder" sind für Schlepperbanden ein lukratives Geschäft.

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