Luftangriff der USA gegen Nordkorea keine Option

27. Juli 2006, 15:27
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US-Vizepräsident Cheney: Pjöngjangs Raketentechnik noch "ziemlich rudimentär" - Gerüchte über Reise Kim Jong Ils nach Russland

Washington/Seoul/Moskau - Die USA ziehen die Option, den mutmaßlich in Nordkorea geplanten Raketentest mit einem Luftangriff zu vereiteln, nach Worten von Vizepräsident Dick Cheney nicht in Betracht. Mit dem Problem werde bisher schon in "angemessener Form" umgegangen, sagte Cheney am gestrigen Donnerstag im US-Fernsehsender CNN. Er wies damit eine Forderung des früheren US-Verteidigungsministers William Perry zurück. Dieser hatte in einem Beitrag für die "Washington Post" empfohlen, die Rakete mit einem Angriff aus der Luft zu zerstören, wenn die Nordkoreaner sie nicht von der Abschussrampe entfernten.

Unruhe über Raketentests

Cheney zeigte sich zugleich beunruhigt über den mutmaßlichen Raketentest. Von einem Land, das über ein Atomwaffenprogramm verfüge, sei dies "nicht die Art von Verhalten, die wir gerne sehen würden". Zugleich betonte der Vizepräsident aber auch, dass die nordkoreanische Raketentechnik noch "ziemlich rudimentär" sei. Auch seien die nordkoreanischen Testflüge in der Vergangenheit "nicht besonders erfolgreich" gewesen. US-Präsident George W. Bush hatte am Mittwoch beim EU-USA-Gipfel in Wien ein Angebot der Führung in Pjöngjang ausgeschlagen, über das Thema der Raketentests zu sprechen. Er forderte Nordkorea stattdessen auf, die Vorbereitungen für den Test zu stoppen.

US-Kriegsschiff schießt bei Test über Pazifik Rakete ab

Die südkoreanische Regierung hat unterdessen betont, dass Nordkorea offenbar wirklich einen Test mit der Interkontinentalrakete Taepodong-2 beabsichtige. Das sagte der südkoreanische Wiedervereinigungsminister Lee Jong-seok am Freitag in Seoul. Pjöngjang versuche damit offenbar, Druck auf die USA auszuüben, um eine versöhnlichere Politik zu erreichen, sagte der Minister weiter. Darin täusche sich das nordkoreanische Regime allerdings. "Die Vereinigten Staaten werden keinen Kompromiss eingehen, selbst wenn Nordkorea eine Rakete abschießt", meinte Lee.

Ein US-Kriegsschiff hat indes nach Angaben der US-Streitkräfte am Donnerstag bei einem Test über dem Pazifik eine Rakete abgeschossen. Die Rakete sei von Hawaii aus gestartet und bei einem Manöver mit japanischer Beteiligung abgeschossen worden, erklärten die US-Streitkräfte in Washington.

Warnung: Nordkorea würde "zu zahlen haben"

Der Test erfolgte vor dem Hintergrund von Warnungen der US-Regierung an Nordkorea. Falls Nordkorea eine Rakete des neuen Typs Taepodong-2 mit einer geschätzten Reichweite von rund 4.300 Kilometern abfeuere, werde es dafür zu bezahlen haben, hatte Washington erklärt. Ein solcher Raketentest werde als "Provokation" aufgefasst.

Der US-Senat verlangt indes von Präsident Bush die Einsetzung eines neuen Sondergesandten für Nordkorea. "Das zeigt, dass wir kein Vertrauen in die Richtung der US-Politik haben", verlautete am Donnerstag nach der Abstimmung in der Kongress-Kammer aus den Kreisen der Demokraten. Dort haben Bushs Republikaner die Mehrheit.

Der Gesandte solle die Nordkorea-Politik überprüfen und die USA bei den Sechs-Parteien-Gesprächen zu Nordkoreas Atomprogramm vertreten. Zudem soll Bush dem Kongress einen öffentlichen Bericht über das Atom- und Raketenprogramm Nordkoreas vorlegen, hieß es in Senatskreisen. Die Forderung wurde als Anhang zu einem Gesetz beschlossen, dem das Repräsentantenhaus noch zustimmen muss.

Der Beschluss sei ein Zeichen, wie frustriert die Abgeordneten darüber seien, dass Bush das Nordkorea-Problem fünf Jahre lang vernachlässigt habe, sagte ein Mitarbeiter im Stab der Demokraten, der namentlich nicht genannt werden wollte. Während dieser Zeit habe Nordkorea seine Raketen- und Atomwaffenprogramme ausgebaut. Unter Präsident Bill Clinton hatte der ehemalige Verteidigungsminister Perry von 1998 an acht Monate lang die amerikanische Nordkorea-Politik überprüft. Perry hatte anschließend vorgeschlagen, dem abgeschotteten Land Anreize für ein Ende seines Atomprogramms anzubieten oder aber das Land im Falle einer Verweigerungshaltung zu isolieren.

Gerüchte über Reise Kim Jong Ils nach Russland

Ein Sonderzug aus Nordkorea ist nach Informationen südkoreanischer Zeitungen nach Russland gefahren, was umgehend Spekulationen über eine Reise des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il in das nördliche Nachbarland hervorrief. Die Tageszeitung "Chosun Ilbo" berichtete am Freitag, Dorfbewohner hätten den Sonderzug bei der Grenzüberfahrt beobachtet. Russland dementierte laut Nachrichtenagenturen einen Besuch Kim Jong Ils im Nachbarland. "Das Außenministerium hat keine derartige Information erhalten", hieß es von einem Sprecher. Auch von den Russischen Staatsbahnen hieß es, es habe ihres Wissens keine derartige Fahrt Kims nach Russland stattgefunden.

Die Auslandsaufenthalte Kim Jong Ils werden von den Behörden in Pjöngjang durchwegs erst im Nachhinein bekannt gegeben. Nach Russland war der nordkoreanische Staatschef 2001 und 2002 gereist, nach China 2004 und im Jänner 2006.

Seit Tagen kursieren Gerüchte in den Medien, wonach der Test einer nordkoreanischen Taepodong-2-Rakete unmittelbar bevorstehe. Die USA und Japan drohten Nordkorea für diesen Fall mit ernsten Konsequenzen bis hin zur Einschaltung des UNO-Sicherheitsrates. Das russische Außenministerium hatte am Donnerstag den nordkoreanischen Botschafter in Moskau einbestellt, um ihn ebenfalls vor negativen Auswirkungen eines solchen Raketentests zu warnen. Die Sechs-Parteien-Gespräche - an denen neben Nordkorea und den USA auch Russland, China, Japan und Südkorea beteiligt sind - stocken seit Monaten. Nordkorea verfügt nach eigenen Angaben über Atomwaffen. (APA/Reuters)

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    Satellitenbild des nordkoreanischen Raketentestgeländes Musudan-ri in No Dong, aufgenommen am 9. Juni.

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    Die USA bleiben vorerst bei den Drohungen gegenüber Nordkorea. Am Samstag ging die größte marine Militärübung im Pazifik seit dem Vietnamkrieg zu Ende. Drei Flugzeugträger, 25 Kriegsschiffe, 280 Flugzeuge und 22.000 Mann nahmen an der fünftägigen "Valiant Shield 2006" teil.

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