Barbara Blaha im Porträt: Der Gottschalk, mein Bruder und ich

23. Juni 2006, 13:09
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Halbzeitwechsel in der grün-roten ÖH-Koalition: Barbara Blaha, 22, Spitzenkandidatin des VSStÖ und "linke Emanze"

"Ein Zimmer für mich allein." So vollendete Barbara Blaha einmal das Satzfragment "Als Kind wollte ich immer ...". Zu diesem Wordrap gebeten wurde die 22-jährige Wienerin vor etwas mehr als einem Jahr im ÖH-Wahlkampf. Damals kandidierte die Germanistikstudentin der Uni Wien als Spitzenkandidatin des roten Verbands Sozialistischer Student-Innen (VSStÖ) - und landete in einer grün-roten Koalition im Studierendenparlament.

Am Freitag ein Jahr nach Amtsantritt der dritten rot-grünen ÖH-Koalition wird die quirlige SP-Studierendenpolitikerin, wie vereinbart, von ihrer Regierungspartnerin Rosa Nentwich-Bouchal (Gras) offiziell den Vorsitz für die zweite Halbzeit per Wahl im ÖH-Parlament übernehmen.

Sorgerecht für Bruder

Heute hat die junge Frau mit dem Lippenpiercing - "der einzige Schmuck, den ich trage, seit ich 18 bin" - aber auch "ein Zimmer für sich allein"- ihre Wohnung nicht ganz. Aber das möchte der Single auch gar nicht: "Da gilt: Mein Bruder und ich." Das muss man konkretisieren: Blaha hat sechs Geschwister, Mädchen und Buben, halbe-halbe. Für den 15-jährigen Julian ist Barbara Blaha, die "als erste in der Familie, einem klassischen Simmeringer ArbeiterInnenhaushalt, studiert" seit einem Jahr nicht nur Schwester, sondern auch Ersatzmama: Nach dem Tod der Mutter vor zwei Jahren, wollte der kleine Bruder nicht mit den zwei jüngsten Stiefgeschwistern beim Stiefvater bleiben, sondern "unbedingt zu seiner Lieblingsschwester". Seither hat die Stipendienbezieherin das Sorgerecht für ihn und macht das, was Eltern so machen: Hausaufgaben beaufsichtigen, wenn er am Nachmittag zu ihr in die ÖH kommt, den angemessenen Computerspielkonsum ausverhandeln - und Elternsprechtag besuchen. Was zu "witzigen Situationen" führt, weil dieser nämlich in ihrer alten Schule stattfindet.

"Linke Emanze"

Im Gymnasium Geringergasse begann die bekennende "linke Emanze" und konsequente "Binnen-I"-Verwenderin, die ihre Mutter und Johanna Dohnal als Vorbilder nennt, ihr politisches Engagement und lebte ihre "großen Leidenschaften"Lesen und Schreiben aus. Mit 13 gründete sie während einer akuten "Led-Zeppelin-Phase"die Schülerzeitung "Der Gottschalk". Weil die Schul-Gasse früher Gottschalkgasse hieß. Sie erkämpften den "RaucherInnenhof"und eine "aufgeweichte Hausschuhpflicht". Die galt dann auch für Lehrer. Schlapfen nur für Schüler fand Blaha ungerecht. Zwei Jahre schrieb sie für den Schüler-Standard.

Die "unkonventionelle und überzeugende" ÖH-Chefin will "die Welt gerechter und erträglicher machen". Für die Unis meint sie damit Abschaffung von Studiengebühr und Zugangsbeschränkungen und mehr Frauenförderung. Politik als Beruf kann sie sich "für die nächsten 50 Jahre schwer vorstellen". Sie sieht sich "in einem Verlag als Lektorin". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6. 2006)

Von Lisa Nimmervoll
  • Die "unkonventionelle und überzeugende" ÖH-Chefin will "die Welt gerechter und erträglicher machen".
    foto: standard/hendrich
    Die "unkonventionelle und überzeugende" ÖH-Chefin will "die Welt gerechter und erträglicher machen".
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