Käsknöpfle und Kebab: Integration beginnt in der Küche

26. Juni 2006, 13:15
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In Bregenz, wo zwei Drittel der Kinder migrantischer Herkunft sind, probierten Lehrerinnen und Mütter eine neue Form der Begegnung

Bregenz - "Schmeckt nicht - gibt's nicht", sagt Claudia Lurger. "Tadi yok - yok", sagt Rukiye Yildiz. Und beide Lehrerinnen meinen das Gleiche: Man soll offen sein für fremde (Ess-)kulturen. Kurz vor Schulschluss luden die Lehrerinnen der Hauptschule Rieden Mütter zum "Kochaustausch"in die Schulküche.

Typische Rezepte aus der Heimat

Mittwochnachmittag in Bregenz-Vorkloster. Drückende Schwüle, die Straßen wie leer gefegt. Wer kann, flüchtet ins Strandbad. Nicht so eine kleine Gruppe von Frauen. Sie wechseln von der Sommerhitze in den Küchendunst. Auf den Arbeitsflächen liegen fröhlich-gelbe Zettel. Die Rezepte. Jede der Frauen hat ein Rezept geliefert, das ihr für die Küche der Heimat typisch erscheint. Niacin, Käsetörtchen, Auberginen-Kebab, Käsknöpfle, Revani, Buchteln. Wohl geordnet stehen die Zutaten neben den Rezepten. Vorbereitet von Claudia Lurger, die es schon von Berufs wegen gerne genau nimmt, als Hauswirtschafts- und als Mathe-Lehrerin. Letztere Profession mache es ihr auch leichter, sich in der Küche bei kochunwilligen Buben durchzusetzen, wird sie später erzählen.

Unsicherheit weicht Fachwissen

Bevor es an die Kochtöpfe geht, eine kurze Vorstellungsrunde. Unsicherheit und Zurückhaltung ist spürbar. Man steht sich gegenüber, hier die Vorarlbergerinnen, da die Türkinnen. Rukiye Yildiz, die junge Deutsch- und Geografielehrerin, übersetzt. Später wird sie einen wunderbaren Couscous-Salat zaubern. Fachkundig beraten von den älteren und erfahreneren türkischen Hausfrauen.

Gemeinsame Liebe zum Kochen

Schnell wird klar, was man gemeinsam hat: die Liebe zum Kochen. "Ich könnte ein ganzes Kochbuch schreiben", lässt Aynur Sahin übersetzen. In Hosen und T-Shirt ist sie der pure Kontrast zu Fadime Seker, die ihr Kopftuch auch in der ärgsten Hitze nicht ablegt und den bodenlangen Mantel erst nach kräftigem Durchkneten ihres Hefeteigs auszieht.

Gegenseitiges Häferlgucken

Es dauert, bis sich die Kochgruppen mischen. Die Frauen belassen es zuerst lieber beim gegenseitigen Häferlgucken. "Aha, interessant, wie sie des macht."Und schon kommt Küchenkonkurrenz auf. "Schau dir an, wie die Hefe bei der Fadime aufgeht, unsere rührt sich nicht."Frau Seker schmunzelt, schaut stolz in die Teigschüssel und vermischt Schafkäse und Petersilie für die Sac Böregi, die Teigtaschen. Jeder Handgriff sitzt. Ebenso ruhig und überlegt bereitet Adele Brandl ihre Käsknöpfle vor. Beide Frauen haben große Familien zu bekochen. Fadime hat sechs Kinder, Adele sieben. "Sieben?". "Ja, sieben.""Bravo!", sagt Fadime. Und Colin, "ich bin sieben und wir sind sieben", grinst.

Große Veränderungen durch kleine Aktionen

Evelyn Guter und Andrea Wölfel reden derweil ihrer Germ gut zu. Schließlich wollen sie sich mit den Buchteln nicht blamieren. Die Buchteln, auf Vorarlberger Art mit Marillenmarmelade, werden wunderbar leicht. Und Revani, das türkische Dessert, sehr sehr süß. Auf dem Buffet brutzeln Käsknöpfle und Kebab nebeneinander. Am großen Tisch unterhalten sich die Köchinnen mit ihren Gästen. Alte, junge, mit Kopftuch und ohne. "Kleine Dinge verändern oft mehr als große Sachen", sagt Direktor Christian Kompatscher. Im Herbst wird wieder gekocht. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe 23.6.2006)

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    Kleine Dinge verändern oft mehr als große Sachen

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