Die Influenza könnte ihren Schrecken verlieren

9. Juni 2000, 19:06

Ein Nasenspray beugt Grippe vor

Schon bald könnte die Influenza ihren Schrecken verloren haben: Der österreichische Biotechnologe Thomas Muster entwickelte mit drei Kollegen einen Impfstoff, der einen Schutz von über 90 Prozent biete. Und nur in die Nase gesprüht werden muss. Von Thomas Trenkler

Wien - Mehr als 100 Millionen Menschen erkranken jährlich an Influenza, allein in Wien werden jeden Winter bis zu 190.000 Krankheitsfälle registriert. Der volkswirtschaftliche Schaden geht in die Milliarden, einen wirklich verlässlichen Schutz gibt es aber nicht. Denn auf der Membran des Virus steckt - neben zwei anderen Proteinen - das Hemaglutinin, das die tückische Eigenschaft hat, sich immer wieder zu verändern.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sammelt daher permanent Daten, um rechtzeitig Prognosen abgeben zu können, welche Virusstämme (z. B. nach Beijing, Sydney oder Shandong benannt) die nächste Epidemie auslösen dürften. Der nach diesen Angaben zusammengestellte Impfstoff-Cocktail bietet aber, auch wenn kein Überraschungsgast im Körper auftaucht, nur einen 50- bis 70-prozentigen Schutz.

Doch nun macht sich Hoffnung breit: Einem österreichischen Biotechnologen, der auf der Dermatologie im AKH Wien arbeitet, gelang - in Zusammenarbeit mit drei internationalen Kollegen - die Entwicklung eines revolutionären Impfstoffes, der mit allen Mutanten fertig wird und eine Schutzrate von über 90 Prozent aufweisen dürfte: Er wird einfach in die Nase gesprayt, da die Immunität des Körpers am stärksten dort ist, wo der Feind zu bekämpfen war. Und wer hat schon die Grippe im Oberarm?

Gute Chancen für längeren Schutz

Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, dürfte ob der Schmerzfreiheit bei der "Applizierung" ziemlich steigen. Und zudem stünden die Chancen gut, meint Thomas Muster, dass der Schutz länger hält als nur einen Winter.

Auf den Impfstoff stieß der 41-jährige Universitätsdozent, der aus Leutschach (Südsteiermark) stammt, wo seine Eltern ein viel gerühmtes Weingut führen, und "über fünf Ecken" mit dem Thomas Muster verwandt ist, eigentlich durch Zufall: Mit dem russischen Forscher Andrej Egorov "schmiss" er aus einem Influenza-Virus eher wahllos "ein Gen hinaus" - die revolutionäre Methode haben sie sich patentieren lassen - und stellte zu seiner Verblüffung fest, dass der Organismus dennoch ganz normal wuchs. Das war 1997, als Muster noch am Institut für angewandte Mikrobiologie beschäftigt war. Der Österreicher Peter Palese und der Spanier Adolfo Garcia-Sastre, mit denen er am Mount Sinai Medical Center in New York geforscht hatte, gaben ihm schließlich den entscheidenden Hinweis, dass dieses Gen, das auf den Namen NS1 hört, für die Verteidigung zuständig sein musste.

Maßgeschneidert

Was die Versuche bestätigen sollten: Das Anti-Interferon-Gen NS1 ist ein "Pathogenitätsfaktor", es stimuliert im menschlichen Körper über 100 Botenstoffe - unter anderem auch das für die Influenza-Bekämpfung verantwortliche PKR. Der "Clou" ist nun, dass man den Impfstoff "maßschneidern" kann, wie Muster erklärt: Es wird gerade so viel vom NS1-Gen "weggeschnitten", dass der Körper seine Immunisierungsmaschine in Gang setzt - und die Viren, die nicht, wie bisher üblich, abgeschwächt werden müssen, vernichtet, ohne dabei selbst zu erkranken.

Letzte Woche übergaben die Forscher das Konzept, das zum Patent angemeldet wurde, einem großen Pharmakonzern. Demnächst wird mit den klinischen Versuchsreihen begonnen, und spätestens in fünf Jahren könnte das Nasenspray am Markt sein.

Thomas Muster, der nebenbei sein eigenes Labor unterhält, hat inzwischen schon ein neues Ziel, den Hautkrebs, in Angriff genommen. Wenn sich seine Melanom-Thesen, über die er noch eisern schweigt, bewahrheiten, kann er bald mit einer weiteren Sensation aufwarten: "Es ist derzeit total spannend!"

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