Sölden: Tödliche schwere Last

5. Juli 2006, 17:07
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15 Monate Haft für Pilot von Söldener Seilbahn-Unglück - Betonkübel löste sich - Neun Menschen starben, darunter sechs Kinder

Der Tod von neun Menschen, darunter sechs Kinder im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren auf dem Rettenbachferner war vor Gericht, das Medieninteresse war enorm. Der 36-jährige Pilot des Unglückshubschraubers, von dem sich ein Betonkübel löste und die Seilbahn traf, beteuerte seine völlige Unschuld an dem Zwischenfall.

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Innsbruck – Nach dem folgenschweren Unglück von Sölden vom vergangenen September ist der Hubschrauber-Pilot am Innsbrucker Landesgericht zu 15 Monaten bedingter Haft verurteilt worden. Der Vorwurf der fahrlässigen Gemeingefährdung wurde als erwiesen angesehen, vom Anklagepunkt der fahrlässigen Körperverletzung unter besonders gefährlichen Verhältnissen wurde der Tiroler freigesprochen. Der Angeklagte erbat sich Bedenkzeit, Staatsanwalt und Privatbeteiligtenvertreter gaben keine Erklärung ab. Das Urteil ist somit nicht rechtskräftig.

Riskantes Überfliegen

Dass das Überfliegen der fahrenden Seilbahn mit einem Betonkübel riskant sein könnte, daran hatte offenbar niemand gedacht am 5. September letzten Jahres, als am Rettenbachferner eine neue Liftstütze errichtet wurde. Neun deutsche Skiurlauber, drei Erwachsene und sechs Kinder, kamen ums Leben, nachdem der Hubschrauber just über der Schwarze-Schneid-Bahn seine 680-Kilo schwere Last verloren hatte, diese auf das Seil flog, eine Gondel mit fünf Fahrgästen zu Boden riss und zwei weitere Gondeln derart in Schwingung versetzt werden, dass sieben Insassen durch die Scheiben auf den Geröllboden fielen. Der damals 35-jährige, erfahrene Pilot der Firma Knaus, Markus J. aus Tirol, musste sich am Donnerstag bei großem Medieninteresse wegen fahrlässiger Gemeingefährdung und fahrlässiger Körperverletzung vor dem Landesgericht Innsbruck verantworten. Ihm drohen fünf Jahre Haft.

"Jahraus, jahrein wird im ganzen Ötztal so geflogen"

Dass die Skipiste und der Wanderweg nicht überflogen werden sollten, wurde nach übereinstimmenden Aussagen sehr wohl vereinbart zwischen dem Betriebsleiter der Gletscherbahnen, dem Polier der Baufirma und dem Piloten. Denn der Betonkübel sei nicht 100-Prozent dicht gewesen, habe winzige Ritze, damit er sich wieder öffnen lässt, aus diesen aber entweichen Feinteile, die Skifahrer oder Wanderer beschmutzen könnten. Aber dass die Außenlast unbeabsichtigt herunterfallen könnte – "das haben wir nicht besprochen". "Jahraus, jahrein wird im ganzen Ötztal so geflogen", sagte der Polier, Jürgen Auer. Daher habe auch niemand daran gedacht, eine andere als die kürzeste Flugroute von vier Minuten zu wählen oder die Seilbahn während der gut vier-fünf Stunden Betonarbeiten abzuschalten.

Überfliegen der Seilbahn war verboten

Für die Staatsanwaltschaft steht fest: Das Überfliegen der Seilbahn war verboten. Nach den Luftverkehrsregeln darf nur so geflogen werden, "dass keine Personen oder Sachen auf der Erde gefährdet werden". Auch im Betriebshandbuch der Firma Knaus ist dies nachzulesen, das den Piloten bekannt sei, sagte Firmenchef Roy Knaus als Zeuge. Der Pilot, der rechtlich die Verantwortung für die Routenwahl trägt, bekannte sich dennoch nicht schuldig. Laut einem Gutachten des Verkehrsministeriums hatte ein winziger Metallspan den elektrischen Impuls ausgelöst, der zum Öffnen des Lasthakens geführt hatte. Es habe keine alternative Flugroute gegeben, sagt er.

Verkettung unglücklicher Umstände

Auch Firmenchef Roy Knaus meinte: Die längeren Routen hätten die Skipiste oder die Straße gequert. "Es tut mir sehr sehr leid, was geschehen ist", entschuldigte sich Markus J. bei den vielen Angehörigen der Opfer, die dem Prozess beiwohnten. "Ich hätte alles getan, um es rückgängig zu machen". Verteidigerin Andrea Haninger-Limburg meinte: "Eine Verkettung unglücklicher Umstände macht den Piloten zum Opfer". (Benedikt Sauer, DER STANDARD Printausgabe 23.6.2006)

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    Es hätte bessere Flugrouten über die Gletscherseilbahn in Sölden gegeben, sagen Angehörige.

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    Er habe den besten Weg gewählt, erklärte der 36-jährige Pilot und seine Anwältin.

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