"Lady Henderson präsentiert": Hüllenloser Kulissenzauber

23. Juni 2006, 20:38
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Judi Dench in "Lady Henderson präsentiert", ein Lustspiel von Stephen Frears und Martin Sherman

Wien – Für das Witwendasein ist sie nicht geschaffen. Laura Henderson hat kein Faible für Stickarbeiten, und die gesellschaftlichen Pflichtübungen der Upperclass im England Ende der 30er-Jahre sind ihr zuwider. In der resoluten Person, die Judi Dench mit einer anstößigen Schlagfertigkeit versieht, lodert ein unruhiger Geist. Sie möchte ihren Reichtum für Missionen nützen, die Damen in ihrem Alter eigentlich nicht zustehen.

Objekt dieses Tatendrangs wird ein Theater, das Windmill Theatre im Herzen Londons. Henderson engagiert mit Vivian Van Damm (Bob Hoskins) einen passionierten Theatermacher. Der ist kein Liebhaber des Bildungskanons, auch wenn er sich für seine Inszenierungen von klassischen Gemälden inspirieren lässt.

Mit schillernden Revues, erstmals im Nonstop-Betrieb, will das seltsame Duo das Windmill aus dem Dornröschenschlaf wecken. Und als das nicht mehr genug abwirft, setzt man noch eins drauf: Erstmals im prüden London sollen nackte Frauenbrüste auf der Bühne zu sehen sein – in Tableaux vivants, um die Grenze zum Unsittlichen nicht zu überschreiten.

Die Geschichte hat sich tatsächlich zugetragen. Mit "Lady Henderson" präsentiert haben Regisseur Stephen Frears und Drehbuchautor Martin Sherman daraus ein so zahmes wie kulinarisches Lustspiel kreiert, das seine Musical-Elemente und Bezüge zur bewegten Wirklichkeit der Dynamik seines wortgewandten Darstellerduos unterordnet. In Screwball-Comedy-Manier reiben sich Henderson und Van Damm ständig aneinander und teilen doch insgeheim ihre Begeisterung für ihre grelle Enklave, die Abwechslung zu den Zerwürfnissen des Alltags bietet.

Die Kontraste zwischen Innen- und Außenwelt geraten allerdings schematisch wie die Motivationen der Figuren. Nachhaltige Irritationen bleiben aus. Selbst wenn der Krieg schließlich London erreicht, bleibt er bis auf wenige Newsreel-Zwischenschnitte doch eigenartig absent. Er wirkt nur wie eine weitere Kulisse, vor der das Gezanke und Gezeter zwischen Hoskins und Dench zum sentimentalen Ende geführt werden kann. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6.2006)

Von
Dominik Kamalzadeh
  • Artikelbild
    foto: buena vista
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