Federer der absolute Maßstab

27. Juni 2006, 16:12
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Klare Nummer eins auf "Heiligem Rasen" - Schweizer wandelt auf Spuren Björn Borgs - Keine klare Favoritin im Damenbewerb

London - In Paris stand alles im Zeichen des Duells zwischen "Sandplatzkönig" Rafael Nadal und Roger Federer, nur 14 Tage später sieht die Ausgangslage beim dritten Grand-Slam-Turnier des Jahres anders aus: Auf dem "Heiligen Rasen" von Wimbledon ist Federer der absolute Maßstab, mittlerweile wandelt der 24-jährige Schweizer schon auf den Spuren eines Björn Borg. Federer strebt den vierten Titel in Folge an der Church Road an, mit einem Erstrundensieg gehört Federer der Allzeit-Rekord auf Rasen, denn er sich mit 41 Einzelsiegen en suite (noch) mit Borg teilt, alleine.

Mit Sieg im Gepäck nach Wimbledon

Die Niederlage von Paris hat Federer gut weggesteckt, immerhin hat er dazwischen auf Rasen das Turnier in Halle gewonnen - übrigens auch sein vierter Titel in Serie. "Wenn ich jetzt nach Wimbledon fahre, werde ich nicht mehr über Paris, sondern über Halle befragt werden. Das ist mental großartig", hatte Federer nach dem Erfolg gemeint. Bei Vergleichen mit Borg bleibt der sympathische Schweizer aber (wie immer) bescheiden. Borgs 41 Erfolge seien ja allesamt in Wimbledon passiert, während sein Lauf ja auch die Titel beim weniger stark besetzten Halle inkludiere.

Als Titelverteidiger hat er die Ehre, das Turnier zu eröffnen, aber das sei keine leichte Aufgabe, sagte er schon vor der Auslosung. "Es ist schwierig. Es ist vielleicht eine Ehre, aber gleichzeitig kannst du auch der Erste sein, der ausscheidet. Es ist schon viel Druck."

Herausforderer Hewitt

Einer der größten Herausforderer könnte der wieder erstarkte Lleyton Hewitt werden. Der Sieger von 2002 hat zuletzt beim traditionellen Auftaktturnier im Londoner Queens Club gewonnen und sieht sich in ähnlich guter Rasenform wie damals. Das Timing für seinen ersten Titel seit Jänner 2005 konnte jedenfalls nicht besser sein.

Paris-Sieger und Sand-Dominator Nadal hatte wegen einer Schulterverletzung in Queens aufgeben müssen. "Das war eine Vorsichtsmaßnahme, das Problem ist behoben", entwarnte der Spanier vergangenen Montag. "Mein Ziel ist es, mich auf einem Belag, der mir nicht so entgegenkommt, zu verbessern. Ich erwarte aber nicht, dass ich weit komme", ist Nadal sehr vorsichtig.

Auch ein großer "Alter" kehrt nach Wimbledon zurück. Der 36-jährige Andre Agassi hat sich akribisch auf eines seiner wohl letzten Major-Turniere vorbereitet und deshalb auch die gesamte Sandplatzsaison ausgelassen. Er wollte seinen freilich nicht mehr ganz so fitten Körper für Wimbledon schonen. 1992 hat er hier triumphiert, bei den US Open 2005 stand er unerwartet im Finale. Agassi ist der bisher letzte US-Amerikaner in einem Grand-Slam-Finale, und keiner wagt es ihn abzuschreiben.

Mauresmo verunsichert

Bei den Damen gibt es hingegen keinen klaren Favoriten. Die Nummer eins des Turniers, Amelie Mauresmo, hat sich kaum noch vom Schock der Achtelfinal-Niederlage in Paris gegen Nicole Vaidisova erholt. Und beim Rasenturnier in Eastbourne scheiterte sie in Runde zwei an Nathalie Dechy. "Ich habe auch im Vorjahr hier in Runde zwei verloren und war dann in Wimbledon im Halbfinale", meinte sie fast trotzig. "Aber ich habe noch einiges zu arbeiten", gestand die Französin dann doch.

Vorjahressiegerin Venus Williams hat weder viel Matchpraxis noch die Beständigkeit, die sie wohl braucht. Die ihr 2006 unterlegene Finalistin Lindsay Davenport musste überhaupt verletzt absagen. Die als Nummer zwei gesetzte Kim Clijsters ist zwar verletzungsfrei, hat aber auf Gras noch selten ihr bestes Tennis gezeigt. Auch das Spiel von Justine Henin-Hardenne, der nunmehrigen zweifachen French-Open-Siegerin, passt nicht 100-prozentig nach Wimbledon. Im Vorjahr verlor sie überhaupt gleich in Runde eins.

Das nötige Power-Spiel haben wohl eher die Russinnen wie Maria Scharapowa, Nadja Petrowa oder Swetlana Kusnezowa. Gefahr droht von einer erst 17-jährigen Tschechin: Der Überraschungs-Halbfinalistin in Paris, Nicole Vaidisova, ist ähnliches zuzutrauen. (APA/Reuters)

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