Die Infantilisierung der Republik

9. Juni 2000, 18:40

In der Geisterstunde von Mittwoch auf Donnerstag kam es in der ZIB 3 zu einer gespenstischen Begegnung: Andreas Mölzer, zugeschaltet aus Klagenfurt, traf auf Hubsi Kramar, der im Wiener Studio bereitstand. Zwar waren da auch noch Alfons Haider und Dominique Mentha, die sich bemühten, etwas von ihren Irritationen als Österreicher im Ausland bzw. als Ausländer in Österreich zu berichten, aber die beiden blieben doch nur Statisten. Mölzer gegen Kramar lautete die Partie, mit der verglichen Simmering gegen Kapfenberg jedenfalls eine geistreiche Auseinandersetzung war und die dank guten Zusammenspiels der beiden Gegner mit einem österreichischen Ergebnis, einem leistungsgerechten 9:0 gegen die Vernunft endete.

Andreas Mölzer, der starke Ambitionen zeigt, zum Gröfaz, zum größten Feuilletonisten aller Zeiten, zu werden und flächendeckend dem Boulevard wie der so genannten Qualitätszeitung die gleichen Artikel anzudrehen weiß, pflegt in letzter Zeit zu beklagen, dass die "andere Seite" in Österreich das Gespräch, den Dialog verweigere. Auf der anderen Seite sieht er übrigens unentwegt die bekannten "Linksfaschisten" am Werke, was mir auch deswegen zu denken gibt, weil die Seite, zu der die linksfaschistische die andere bildet, nur die rechtsfaschistische sein kann. Gelegentlich zeigt Mölzer eben einen erstaunlichen Sinn für Orientierung.

Auf der anderen Seite von rechtsfaschistisch stand der von Mölzer auch direkt so bezeichnete "Linksfaschist" Hubsi Kramar, der, vermutlich in subversiver Absicht oder auch nur aus Spaß an der Sache, Mölzer mehrfach mit "Heil Mölzer", "Geil Mölzer" und dergleichen ansprach. Ausländer, die über den Stand der Diskussionskultur hierzulande nicht auf dem Laufenden sind, werden die Rollenverteilung vielleicht nicht ganz begriffen haben. Man muss ihnen heutzutage vor politischen Debatten unbedingt die Zusatzinformation geben, dass es in Österreich eben zuweilen die Linken sind, die mit "Heil" grüßen, während es den Rechten vorbehalten bleibt, vor "Faschisten" Abscheu zu empfinden.

Ich muss gestehen, als ich vor Monaten im Fernsehen sah, wie sich Hubsi Kramar in der Montur des Führers unter das Pack im Frack mischte und in die Wiener Oper eilte, habe ich schadenfroh gelacht und das für die durchaus akzeptable Aktion eines zurecht empörten Künstlers gehalten. Als Kramar in der Gespensterstunde aber zu erklären suchte, worin der aufklärende Witz von solcherlei Aktionen liege, ist mir die Schadenfreude vergangen. Im aufgeregten agrammatischen Stammeln behauptete er, in einem Land, in dem nie ein Nazi verurteilt worden sei und alle Kriegsverbrecher frei herumlaufen durften, müsse man sich eben solche Sachen einfallen lassen, um die Wahrheit sichtbar zu machen.

Fassungslos zwischen zwei Feinden hin- und herblickend, die einander redlich verdienen, habe ich an den Satz von Michael Scharang denken müssen: "Der erbarmungslose Rechtspopulismus bringt automatisch einen erbarmenswerten Linkspopulismus hervor." Und tatsächlich reicht ja der Aufschwung der Rechten für eine ordentliche Misere nicht aus, es muss schon auch eine Linke da sein, der es im intellektuellen Abwind gefällt.

Als nach der Bildung der neuen Regierung im Februar das ganze Land in hitzige Diskussionen verstrickt schien und überall, wo zwei Leute zusammenstanden, über Österreich und Europa, nationale Schande und internationale Frechheit gestritten wurde, hat man oft gehört, die Krise würde nun endlich eine überfällige "Re-Politisierung" bewirken. Mittlerweile ist klar, dass die Politisierung der Republik auf uns in Form einer rigorosen Infantilisierung gekommen ist, die ihren Spaß darin findet, Begriffe zu verdrehen, die ungenierte Lüge als patriotische Übung zu praktizieren und jedes demokratische Ansinnen rundweg zu verballhornen.

Natürlich lacht man über einen Mann, der sich so dumm gibt zu behaupten, er wisse nicht mehr, ob er den Präsidenten einen Humpen oder einen Dumpen genannt habe. Könnte man ihm die Beleidigung des Präsidenten vielleicht nachsehen, ist es doch unverzeihlich, dass er sich, nachdem er sich öffentlich der geistigen Zerrüttung geziehen hat, weiterhin für geeignet hält, ein politisches Amt auszuüben.

Diese, die wahre, ungestraft gebliebene Beleidigung der Österreicher zeigt, dass die Politik, je unlustiger sie wird, sich umso vehementer der Unterhaltungsbranche eingliedert, die heute allenthalben das Missglückte, Schlechtgemachte, Dilettantische als das Authentische und Glaubwürdige verkauft.

Haben wir uns jedoch daran gewöhnt, dass Trash und Karaoke die Unterhaltungsbranche bestimmen und die Politik als Teil von dieser fungiert, macht es gar nichts mehr aus, wenn jemand vor laufender Kamera frech ableugnet, was er gerade noch in eingeschaltete Mikrophone gesprochen hat. Mit allem anderen haben sich ja auch Lüge und Wahrheit als vergnüglich austauschbar erwiesen. Mölzer, der zeitlebens für Großdeutschland geschwärmt hat, empört sich dann glaubwürdig als Patriot, der seine Heimat gegen üble Nachrede schützen möchte; ein Mann, der Österreich fortwährend übel nachgeredet und als Missgeburt bezeichnet hat, schlägt dann vor, Politiker, die Österreichs Ansehen in der Welt schaden, vor Gericht zu stellen, und er verficht diesen Vorschlag frei von der Besorgnis, das Gesetz könnte gegen Wiederholungstäter wie ihn in Anwendung kommen.

Auf der anderen Seite wiederum tun sich Linke mittlerweile in einer Verachtung Österreichs gütlich, die bisher die Domäne der Großdeutschen war. Angewidert zeigen sie sich von etwas überzeugt, was früher die Nazi begeistert behaupteten: dass nämlich die Geschichte Österreichs notwendig auf den Nationalsozialismus zugelaufen ist und es keinen nennenswerten Widerstand gegeben hat (Gehn's, die paar Hingerichteten - 2700 -, die paar in Gestapo-Haft Umgebrachten - 16.100 -, die paar Zehntausend KZler und Emigranten!). Die Gründung der Zweiten Republik erscheint ihnen nicht nur als unverdientes, sondern geradezu unmoralisches Geschenk der Alliierten; statt die Österreicher ordentlich abzustrafen, wie sie es verdienten, haben sie ihnen verziehen, worauf die Österreicher, statt ehrliche Faschisten zu bleiben, sich verlogener Weise als Demokraten zu fühlen begannen.

Der moralische Ekel darüber wird heftiger und heftiger, bis endlich die alte Lüge, dass Österreich nur ein Opfer des NS-Regimes war, in ihr Gegenteil, also in eine neue Lüge gekippt ist und Österreich ausschließlich als Täter figuriert.

Das alles mag manchem wohl als verkehrte Welt erscheinen; aber noch ist Hoffnung, denn auch indem sich die Verhältnisse verkehren, können sie mitunter kenntlich werden.

Karl-Markus Gauß lebt als Schriftsteller und Essayist in Salzburg.

... andererseits tun sich Linke mittlerweile an einer Verachtung Österreichs gütlich, die bisher die Domäne der Großdeutschen war

Karl-Markus Gauß über neue Tendenzen zustandsgebundener Politik in Österreich - unter dem Eindruck des Fernseh-Duells zwischen Andreas Mölzer und Hubsi Kramar. - ... andererseits tun sich Linke mittlerweile an einer Verachtung Österreichs gütlich, die bisher die Domäne der Großdeutschen war
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